Sonntag, 6. August 2017

Wie das Internet mich frei machte

Neulich las ich das schon zehn Jahre alte Buch "Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle" von Miriam Meckel (erschienen: 2007 im Murmann Verlag). Damals waren Smartphones etwas ganz Neues, WhatsApp gab es noch nicht und an die Influencer auf Instagram war noch nicht zu denken. Es war spannend, von dieser Zeit zu lesen, in der es neu war, E-Mails auf dem BlackBerry zu empfangen, die Leute noch SMS schrieben und man zum Teil finstere Zukunftsprognosen für die heutige Gegenwart stellte. In dem Buch geht es um die Anforderungen, die die neuen, sich rasant entwickelnden Kommunikationsmöglichkeiten an die Menschen und die Gesellschaft stellen, und wie sie damit umgehen. Vieles davon ist noch heute aktuell. Ist ja auch noch gar nicht lange her, aber wer die Technologien von "damals" und heute vergleicht, dem kommt das wie eine Ewigkeit vor.

altes Handy, Sony-Erricson-Mobiltelefon von 2008
Mein erstes Handy: seit neun Jahren unkaputtbar


Internet gestern

Als das Buch erschien, war ich 13 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, dass ich 2008 zum ersten Mal das Internet benutzen durfte – im Kinderzimmer meiner Schwester stand ein Windows 95. Meine erste Station im WWW war SchülerVZ. Wir hatten die Erlaubnis erhalten, uns dort anzumelden und mit unseren Freund*innen zu vernetzen. Von der riesigen Welt hinter dem Bildschirm, die unser Leben heute nachhaltig beeinflusst, ahnte ich damals noch nichts. Mit 15 knackte ich die Passwörter meines Vaters auf meinem Laptop, den mir meine Eltern geschenkt hatten, als sie mich aufs Internat schickten. Er hatte damit festgelegt, welche Internetseiten ich besuchen durfte, und außerdem eingestellt, dass sich der Laptop um 21 Uhr automatisch abschaltete. Als nächstes fand ich heraus, wie ich mir eine eigene E-Mail-Adresse erstellen konnte. Die Mails an meine Adresse des "Familien-Servers" kamen nämlich auch auf dem Rechner meines Vaters an und er konnte alles mitlesen.

Nun war ich frei, mitten im Käfig meiner Minderjährigkeit, in dem ich die Schulwochen herbeisehnte und die Wochenenden fürchtete. Nächtelang suchtete ich auf YouTube die Story des GZSZ-Paares "Paula & Franzi" – die erste Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, die mir in meinem Leben begegnet ist. Ich meldete mich bei einem Forum an, in dem ich darüber schreiben konnte, wie sich die Lage zuspitzte, als die Schule meine Eltern darüber informierte, dass ich in Liebesdingen möglicherweise anders orientiert sein könnte... Lange hielt ich es dort aber nicht aus, denn ich fühlte mich dabei immer, als würde ich etwas Schreckliches, Verbotenes tun, und konnte mich darüber schwer verbal ausdrücken. Dennoch war das Internet von nun an immer an meiner Seite, wenn ich mich ans Hinterfragen der einseitigen, engstirnigen Ansichten meiner Familie machte. Es war eine unerschöpfliche Informationsquelle, die mich neben Büchern lehrte, immer mehr wissen zu wollen und Aussagen zu prüfen, bevor ich sie einfach glaubte.

Internet heute

Das Internet hatte immer schon Kritiker*innen. Heute lesen wir besonders häufig von "Hass im Netz", über das Internet verbreitete "Fake News"oder das "Postfaktische Zeitalter", ein Begriff, der mit dem Medium Internet eng verwoben scheint. Darüber können und müssen wir auch sprechen, uns mit den dahinterstehenden Themen beschäftigen und Lösungen finden. Das Internet als Ganzes sollten wir aber nicht verteufeln. So wie Pauschalisierungen generell unangebracht sind. Für mich persönlich hat das Internet heute wie als Teenagerin eine große Bedeutung. Zum einen ist es natürlich mein Beruf als Online-Redakteurin. Das Internet bietet mir die Möglichkeit, mein Schreiben vom Notizbuch in die Welt zu tragen. Aber es ist noch viel mehr: Das Internet hat mir die Menschen gebracht. Es ist schließlich ein Kommunikationsmedium. Durch Foren, Social Media und natürlich das Bloggen, das ich seit 2013 betreibe, sind viele schöne Verbindungen entstanden, die ich nicht missen möchte. Natürlich lerne ich auch außerhalb der "virtuellen Welt" Menschen kennen. Aber wie unvollständig mein Leben ohne jene Welt wäre, zeigen mir einige meiner wichtigsten Bezugspersonen, die ich ohne das Internet niemals kennengelernt hätte.

Nicht alle online entstandenen Bekanntschaften überstehen den Schritt in die "reale" Welt; auch davon spricht das oben genannte Buch. Meiner eigenen Erfahrung nach tun es viele aber doch und ich habe schon einige "Fremde aus dem Internet" persönlich kennengelernt, die mir ja eigentlich schon längst nicht mehr fremd waren. Das Internet bietet eine ganz andere Art, sich kennenzulernen, die vor allem jenen entgegenkommt, die sich schwer damit tun, Kontakte von Angesicht zu Angesicht zu knüpfen. Vor allem die Begegnungen durch das Bloggen finde ich interessant. Die Welt, in der ich mich mit meinem ersten Blog bewegte, bestand aus Menschen, die sehr offen mit sich und ihren Lebensgeschichten umgingen – dafür blieben die Autor*innen allerdings anonym. Trotzdem lernte ich sie durch ihre Texte besser kennen, als manche Person aus ihrem realen Umfeld. Viele nutzen das Internet und seine Anonymität, um ihren intimsten Gedanken und belastenden Geheimnissen einen Raum zu geben. Und sie finden dort nicht nur Raum, sondern auch Gehör. Sie führen öffentlich (und zugleich heimlich) Tagebuch. So habe ich das anfangs auch gemacht, um mit meinem schwierigen Elternhaus, das mich vielfach von anderen isolierte, fertig zu werden. Es ist ein großes Privileg, den Tagebucheintrag eines anderen Menschen lesen zu dürfen, vor allem, wenn man sich nie zuvor gesehen hat. Eine noch größere Ehre ist es, wenn dieser Mensch Dir erst seine E-Mail-Adresse, dann die Telefonnummer und schließlich sein Gesicht anvertraut. Menschen, die mich noch nie getroffen hatten, setzten sich in den Zug, um mich zu besuchen, und ich tat es umgekehrt genauso. Es ist immer wieder etwas Besonderes, einen Menschen auf diese Weise kennenzulernen.

Lucia Clara, Porträt, lächelnd
Mich macht das Internet frei | Foto: hml-art

Internet & Glück

Im Internet gibt es Hass, Streit und Lügen. Ja, das ist richtig. Das Internet bringt Unglück? Nein. Nicht nur. Und auch nicht hauptsächlich. Das Internet ist keine virtuelle Welt, es ist ein Teil der realen Welt in einem virtuellen Raum. Deshalb finden wir in ihm ebensolche Strukturen vor, wie in realen Räumen; es spiegelt die Vielfalt der Menschen und der Gesellschaften wider. Das Internet ist ein Tor zu mehr Informationen, als ein Mensch verarbeiten kann. Es ist Verknüpfungspunkt zwischen Menschen aus aller Welt. Es kann ebenso Freundschaften wie Feindschaften entstehen lassen. Das Internet kann abhängig machen. Mich hat es frei gemacht. Es bot mir die Möglichkeit, an Informationen zu gelangen und Kontakte zu knüpfen. Ohne das Internet hätte ich sicher einen anderen Weg gefunden, mit meinem Leben umzugehen. Aber es ist nun einmal da, und das einzige, was wir tun können, ist, sinnvoll damit umzugehen.

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Liebe Leser*innen, ich wünsche mir, dass nun jede*r von euch eine positive Erfahrung in die Kommentare schreibt, die er*sie im Internet gemacht hat!
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P.S.: Ich kann nur jedem empfehlen, einmal einen Menschen aus dem Internet persönlich zu treffen. Eine solche Begegnung kann Dein Herz sogar ziemlich doll bewegen. Dann flattert es herum und will sich gar nicht mehr einfangen lassen – und dann stell Dir mal vor, Du hättest diese Person niemals kennengelernt!

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Sonntag, 9. Juli 2017

Gedichte im Sommer

Es ist (nun endlich wirklich) Sommer – und das heißt, es ist wieder Zeit für Gedichte! Zu jeder Jahreszeit stelle ich meine kleinen Werke aus den jeweiligen Saisons vor. Nach dem letzten Beitrag vielleicht eine willkommene Abwechslung in Versform. 😉 In den vergangenen Monaten flogen mir leider kaum neue Reimereien zu. Aber ich kann glücklicherweise auf einen großen Fundus zurückgreifen. Wie schon im Frühling habe ich auch wieder ein Exemplar aus Kindertagen dabei (das letzte). Im Folgenden also drei Gedichte, die ich im Sommer geschrieben habe.

Ich stehe in einem Treppenhaus, schaue aus dem Fenster, schräg hinter mir eine Pflanze mit grünen Blättern.
Immer am Hinterfragen | Foto: Katrin Eissing

Leben im Überfluss


Die Zeit kriecht und siecht
Und der Wind weht beflügelnd in meine Hände,
Was all die Werbewände
Mir in bunten Farben versprachen,
Bevor sie jedes einzelne dieser Versprechen brachen.

Endlich kannst Du Dich frei entfalten
Mit dieser Anti-Falten-Creme!
Dein ganzes Leben wird er zusammenhalten,
Der neue Super-Kleber, Du wirst schon seh'n!

Du hast Probleme?!
Lass Dir bunte Pillen verschreiben! 
Damit sie Dir die Sinne vertreiben
Und die Leere Dich anblickt,
Während ihre kalte Hand Dich mühelos erstickt.

Ich steh' mit einem Bein fest im Leben
Und mit dem anderen in meinem Glitzer-Wolken-Traum.
Er bringt die Werbewände zum Beben,
Bringt meine Sinne zum Schweben,
Und ich verlasse den Stachel-Draht-Raum – 
Ganz ohne Drogen, 
Man glaubt es kaum! –
Überspanne ich den Bogen.
Spitze Splitter kommen geflogen
Mitten ins Herz!
Spürst Du den Schmerz?
Das ist die Wehmut,
Des Feuers letzte Glut.

Das Wissensfieber nagt,
Wenn die Welt Dich plagt,
Die Welt und ihr Weinen
Und vom Leben das Scheinen.
Die Scheine, die fehlen,
Die Wahl, auszuwählen,
Die Qual, Deine Schuhe zu zählen,
Der überfließende Überfluss
Und sein giftig-süßer Kuss,
Der Dich in den Wahnsinn treibt,
Während mir nur der Wind bleibt,
Den Du hier hinterlässt,
Während sich Deine Nase schon an das nächste Schaufenster presst.

(29. Juli 2015)



Traumklangraum


Träume. Klänge.
Räume. Länge.
Zäune. Enge.

Im Klang Deiner Träume verlierst Du Dich.
In der Länge der Räume verirrst Du Dich.
Im Zwang ihrer Zäune begraben sie Dich.
In der Enge der Leere vergessen sie Dich.

Träume.
Nicht ohne den Klängen des Lebens zu lauschen.

Nutze die Räume.
In ihrer vollen Länge.

Stämme Dich gegen die Zäune.
Und befreie Dich aus ihrer Enge.

Vergiss
Die Anderen.
Aber vergiss Dich nicht selbst.

Träume von einem klangvollen Leben voller Langzeiträume.
Und vergiss ihre Eng-Stirn-Zäune.
Halte nichts von ihren Grabesreden.
Denn bis zum Ende ziehst Du die Fäden. 

(5. Juli 2015)


Lunas und des Himmels Liebe


Lässt die Sonn' das Scheinen sein
Und bricht die Dämmerung herein,
Ist nur ein Lächeln von Luna von Nöten,
Um den blauen Himmel zu erröten.
Das ist dem Himmel peinlich nun:
Er legt sich einen dunklen Mantel um.
Der Mond erleuchtet diese Finsternis,
Die Sternlein helfen ihm gewiss.
So sind die beiden nun vereint,
Der Morgen wird zum großen Feind.

(20. August 2009)

Ich mit meinen Haaren vor dem Gesicht, vor allem die Augen sind verdeckt.
Sie denken, Du siehst nichts, dabei hast Du die schönste Traumwelt vor Augen | Foto: hml-art

Ich hoffe, Dir hat gefallen, was du gelesen hast. 
Hinterlasse mir doch einen Kommentar mit Deinem Feedback!
💖

Sonntag, 2. Juli 2017

Hallo, 21. Jahrhundert! – #EhefürAlle

Wow. Meine Facebook-Timeline explodiert. Twitter auch. Und Instagram. Überall Regenbögen! Ich habe den Hashtag vor der Arbeit schon rausgesucht, um mich in der Mittagspause dann zu versichern, dass es auch wirklich geklappt hat. Ich lächele ein bisschen, während ich mich im Nieselregen auf die Suche nach etwas Essbarem mache. Es ist schön und gut und wichtig, dass ich nun, sollte ich das wirklich irgendwann mal wollen, einfach heiraten könnte. (Das mit dem Kinder kriegen bedarf offenbar noch der Klärung).

Zettel an der Wand mit Aufschriften: Hast Du (k)einen Freund?, Gewalt (2009, 2010, 2013, 2014, 2016), Also hat sich das wieder eingerenkt?, So siehst Du aber gar nicht aus!!!, Bist Du (Dir) sicher?, Du kannst aber schon beides, oder?, WAS bist Du eigentlich?
Wir leben im 21. Jahrhundert. (Verdeckte Schilder: "Bist Du (Dir) sicher?", "Das glaube ich Dir nicht!", "Geil! 50 €, wenn ich zugucken darf! Du willst es doch auch!", "Du kannst aber schon Beides, oder?")

Wir haben das 21. Jahrhundert – ja, und?


Vielleicht spürst Du schon ein Aber. Dieses Aber bezieht sich aber eigentlich nicht auf die #EhefürAlle. Da gibt es kein Aber. Nur ein Na endlich. Das Aber ist die Antwort auf all die zu erwartenden Sätze: Jetzt ist doch alles gut. Jetzt habt ihr alles, was ihr wollt. Jetzt ist die vollständige Gleichstellung erreicht. Jetzt brauchen wir uns nicht mehr mit euch zu beschäftigen. Jetzt, ja, jetzt leben wir wirklich im 21. Jahrhundert!

Ich hasse diesen Satz. Fast so sehr wie "Früher war alles besser". "Wir leben im 21. Jahrhundert, wir haben 2017!", das ist eine genauso leere Phrase. Was soll das überhaupt? Wie schaffen es Menschen mit dieser Einstellung, nicht überfahren zu werden, wenn sie niemals nach rechts und links schauen, bevor sie eine Straße überqueren? Denn das ist die einzige Möglichkeit, 2017 alles hervorragend zu finden: Nicht hinschauen. "Diskriminierung? Sowas gibt es doch gar nicht mehr.", folgt meist darauf. "Zumindest nicht in Deutschland. Nicht heute. Nicht gegenüber jemandem, wie ... Dir." HALLO?! Es gibt mich nicht. Da kann ich mit den Armen wedeln, so viel ich will. Meine Erfahrungen existieren nicht in den Köpfen meiner feierwütigen Facebook-Freund*innen. Fangen wir gar nicht erst an von den Menschen, die es demnach noch viel weniger gibt als mich.

Hilfe, der Regenbogen stürzt ein!


Nicht nur diejenigen posten Regenbögen, die mich vor Jahren diskriminierten, als wir noch Kinder waren, und die heute möglicherweise anders darüber denken (dazu gleich mehr). Auch solche, die das vor wenigen Monaten taten – vielleicht ganz unbewusst, aber ich war viel zu selten mutig genug, darauf hinzuweisen. Diesen Menschen würde ich den Regenbogen gerne wegnehmen. Aber das wäre kindlicher Trotz und deshalb schreibe ich das hier. Weil offensichtlich nicht alles so klar und bunt und fröhlich ist, wie der Regenbogen vortäuscht, der schon allein durch den Einhorn-Trend recht gedankenlos verwendet wird. Zu lesen ist von den Unklarheiten zum Beispiel im Kommentarbereich zum letzten Blogpost von Menna zu diesem Thema. Da steht unter anderem: "Ich finde es sehr mutig von dir, über dieses Tabuthema zu schreiben". Buuuuh! Also doch nicht alles so selbstverständlich oder wie? Hilfe, der Regenbogen stürzt ein!

Schon, dass die Erlaubnis einer einzelnen Person nötig ist, um eine Abstimmung, und damit die Durchsetzung der Mehrheit, überhaupt möglich zu machen, lässt die Feierlust dem Gefühl von Fremdbestimmung weichen. Wie lange wir wohl noch gewartet hätten, würde es nicht ab und zu Wahlkampf geben? Ja, schon klar, aber ist doch jetzt egal, sagen die einen. Bist Du denn noch nicht zufrieden? Wie wäre es mal mit ein bisschen Dankbarkeit?, die nächsten. Und: Als nächstes ist die Gleichstellung unverheirateter Paare dran!, sagen die dritten. Welcher Gruppe ich mich wohl anschließe? ;-)

Und es gibt noch mehr zu tun...


In meiner Bachelorarbeit über Diversity Marketing und den Einbezug der LGBT-Zielgruppe in die Werbung (die leider keinen Anspruch auf Perfektion erfüllen kann) habe ich die These aufgestellt, dass die mangelnde Anwendung dieser Marketing-Strategie damit zusammenhängt, dass gesellschaftliche Vielfalt weniger akzeptiert ist, als gemeinhin angenommen. Dabei blieb natürlich der Verweis auf die noch nicht bestehende vollständige Gleichstellung nicht aus. Ist das jetzt anders? Ein Gesetz bewirkt zumindest keine sofortige Veränderung der Gesellschaft.

2008, als ich 13 Jahre alt war und verliebt in ein Mädchen aus meiner Klasse, hatte ich keine Ahnung, dass das überhaupt geht, und dachte mir, ich sei verrückt geworden. Heute steht das Thema zumindest in den meisten Bundesländern auf dem Lehrplan (außer Bayern und Baden-Württemberg), wenngleich die Umsetzung vielerorts kritikwürdig ist – hiermit kenne ich mich allerdings nicht im Detail aus. In der Schule jedenfalls hatte ich es, ebenso wie im familiären Umfeld, nicht leicht, weder mit mir selbst, noch mit meinen Mitschüler*innen. Aber auch, wenn es in Erinnerung an viele fiese Situationen schwer fällt, das einzugestehen: Wie hätten sie es besser wissen sollen, wenn sie, genauso wie ich, nie darüber informiert worden sind, dass es noch mehr als Heterosexualität und Cis-Geschlechtlichkeit gibt?!

Viele Dinge über Sexualität und Geschlechtsidentität weiß ich sogar erst seit ganz wenigen Jahren. Wer sich die Kommentare zum oben erwähnten Beitrag ansieht, wird feststellen, dass ich da nicht die einzige Spätzünderin bin. Niemand braucht sich darüber zu wundern, dass keine akzeptierenden Erwachsenen aus Kindern enstehen können, die nicht zu ebendieser Akzeptanz erzogen werden – mit entsprechender Information zum Beispiel.

Ich hocke in einem Schrank und mache Anstalten, aufzustehen und aus dem Schrank herauszusteigen.
Es gibt viele Schränke, in die noch niemand reingeschaut hat.

Gleichberechtigung geht nicht nur bis zur Grenze


Mit meinen Erfahrungsberichten treffe ich in der Regel entweder auf Menschen, die selbst keine solchen Erfahrungen kennen, weil sie nicht betroffen sind, oder die sich nur noch in der queeren Community bewegen und deshalb keine solchen Erfahrungen machen. Das mag an meinem Umfeld liegen, schließlich bin ich keine wandelnde Statistik. Aber ich fühle mich ein bisschen verloren zwischen diesen Welten, vermutend und hoffend, dabei ebenfalls nicht die einzige zu sein. Und deshalb ist dieser Text so lang, weil dieses Thema so viele verschiedene Ebenen hat: Diese hier betrifft die klare Abgrenzung zwischen den einzelnen Personengruppen – wohl auch ein Argument für das Diversity-Marketing-Problem, auf das ich beim Schreiben meiner Bachelorabeit noch gar nicht gekommen war.

Dass wir die Ehe für Alle haben, ist toll. Das darf auch gefeiert werden. Aber nur, wenn sich danach nicht alle zurücklehnen, die Arme verschränken und selbstgefällig "Jetzt ist alles gut" vor sich hin murmeln. In Österreich ist zum Beispiel gerade erst gegen die Ehe für Alle gestimmt worden. Und anderswo werden Menschen noch immer bestraft oder sogar umgebracht, weil sie nicht hetero oder cis-geschlechtlich sind. Es reicht nicht, innerhalb dieser Grenzen gleiche Rechte zu schaffen. Gleichberechtigung ist erst erreicht, wenn sie auch wirklich für ALLE gilt.

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Wenn Dir der Artikel gefallen hat und Du ihn wichtig findest: Schreib mir doch Deine Gedanken dazu in die Kommentare oder per E-Mail, teile den Link weiter oder hinterlasse einfach einen Smiley oder ein Herz. Ich freue mich über jede Person, die diesen Text bis zum Ende durchgehalten hat. ♥

Dienstag, 20. Juni 2017

Ungeschminkt durch den Tag

Obwohl ich meistens geschminkt bin, habe ich eigentlich kein Problem damit, ohne Make-up auf die Straße zu gehen. Eigentlich – hat das was zu bedeuten? Eigentlich, das hat mir eine schlaue Frau mal beigebracht, ist immer so ein Indiz... Ja, meinen Wochenendeinkauf oder Sonntagsspaziergänge erledige ich ungeschminkt. Aber oft male ich mein Gesicht auch an, weil ich es möchte. Wie, glauben die Leute, sollte ich hinter einer Schicht Make-up meine dunkelsten Geheimnisse verstecken? Dazu braucht es schon einiges mehr. Also gehe ich an einem Montag ungeschminkt zur Arbeit. Nun, zuerst hatte ich grünen Concealer im Gesicht, um Rötungen zu kaschieren, aber den habe ich wieder abgewischt. Nein, so leicht lasse ich mich nicht von mir selbst hinter's Licht führen!

Ich fühle mich nicht unwohler als sonst, auch wenn ein paar irritierte Blicke etwas zu lange mein Gesicht belästigen. Vielmehr frage ich mich, ob jetzt alle denken, ich hätte die ganze Nacht Party gemacht (dabei war ich noch halbwegs rechtzeitig im Bett). Nur beim Blick in den Spiegel erschrecke ich mich, weil ich einfach nicht aussehe, wie ich selbst. Denn das ist die Spachtelmasse in meinem Gesicht für mich: Ein lang erarbeiteter, erster Schritt, nach außen hin ich selbst zu sein.

Lucia Clara mit Fliegennetz auf dem Kopf
Sowas hätt' ich gern als Hut – ungeschminkt verrückt. | Foto: HML-ART


Ungeschminkt – das ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Make-up in einem Gesicht. Ungeschminkt ist aus der Rolle fallen. Ungeschminkt ist echt, und das bin ich samt Glitzer und Lippenstift. Ungeschminkte Seelen. Sehen wir die nicht viel seltener als ungeschminkte Gesichter? Wer pimpt sein wahres Ich nicht mit einem falschen Lächeln auf? Einem falschen Lächeln fürs Familienfoto? Gerade Fotos können viel mehr Selbst zeigen. Sie halten den Moment fest zum Immer-wieder-anschauen, viel länger, als er zum Zeitpunkt seines eigentlichen Geschehens war. Das bietet Interpretationsspielraum. Je länger Du hinsiehst, umso mehr Schichten Schminke trägst Du ab – aber vielleicht fügst Du auch weitere hinzu, weil Du Dich zu sehr auf das Äußere konzentrierst...

Sich ungeschminkt nackt zu fühlen ist das eine. Doch wie oft fühlst Du Dich nackt und ungeschminkt, obwohl Du Kleidung und Make-up trägst? Ob nun die Blicke anderer Menschen oder das Auge einer Kamera auf ihr ruhen – beobachtet fühlt sich die Seele, wenn sie schminkschichtdurchdringend angesehen wird. Ich fordere sie stets heraus, wenn ich das Haus verlasse oder meine Gedanken im Internet verbreite; wenn ich mich in Umgebungen begebe, in die mein Mainstream-Rollen-Spiel nicht passt.

Hier bin ich und leuchte. Hier stehe ich im Blitzlichtglitzer-Kitschregen und zeige euch – mich. 

Lucia Clara schaut mit einem Auge aus ihrem Haarschleier heraus.
Raus aus dem Versteck, ungeschminkte Seele! | Foto: HML-ART

Wie bist Du ungeschminkt?
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Sonntag, 11. Juni 2017

Mein Geburtstag, Nina Hagen & Mini-Krise

Kaum bin ich 23 Jahre alt, rotiert die Welt ungleich schneller. An den letzten zwei Wochenenden sowie in der Woche dazwischen ist so viel passiert, dass ich gar nicht dazu kam, es für euch aufzuschreiben. Ja, auch diese Zeilen schreibe ich gerade in meinem Notizbuch vor, während ich im Zug sitze. Dagegen war mein eigentlicher Geburtstag doch wenig spektakulär, deshalb aber nicht weniger schön. In meiner Instastory konntet ihr meine verrücke Kuchen-Back-Aktion live mitverfolgen und ich kann nur sagen: Allen hat's hervorragend geschmeckt. Und nach einem Arbeitstag an hübsch dekoriertem Platz durfte ich noch einen entspannten Abend mit lieben Menschen genießen.

Lucia Clara beim Nina-Hagen-Konzert
Wichtige, wahnsinnig und wunderbare Augenblicke müssen festgehalten werden.

Ein langersehntes Highlight war dann das Nina-Hagen-Konzert am darauffolgenden Wochenende. Es war der wohl letzte ihrer Brecht-Lieder-Abende im Berliner Ensemble – und mein dritter. Letztes Jahr erst habe ich mich eingehender mit dieser Person beschäftigt, nachdem es immer mal wieder zu optischen Vergleichen kam. Und das war auch das einzige, was mich an diesem Abend störte: Ältere Leute, die auf mich zukamen und meinten, da hätte ich Nina schon ganz gut getroffen – als hätte ich mich für den Abend verkleidet. Bunte Haare und präsente Eyeliner sind ja nun momentan wirklich nichts Besonderes. Außerdem, meine lieben Menschen, bin ich ich, Lucia Clara, niemand anderes und auch keine billige Kopie; darauf bestehe ich.

Plakat Nina-Hagen-Konzert
Zum dritten und leider wohl letzten Mal war ich dabei.
Zusammen mit meiner lieben Freundin Kiwi hatte ich einen Abend, an dem ich mich sehr gut fühlte und das Leben liebte, mindestens für zweieinhalb Stunden lang. Am Sonntag ging es dann wieder ans Kuchen backen – diesmal nicht allein und außerdem für einen guten Zweck. Begleitet von erhellenden Gesprächen war dieser lange Tag wohl einer von diesen, die das Leben verändern. Ich möchte darüber noch nicht so detailliert schreiben, weil ich mich noch mitten drin in diesem Veränderungsprozess befinde. Sobald ich aber selbst herausgefunden habe, was genau jetzt neu ist, lasse ich es euch definitiv hier wissen. Und wer ganz neugierig ist, kann mal auf Instagram vorbei schauen, dort gebe ich hin und wieder bebilderte Statements dazu ab, an welchem Punkt meiner kleinen "Selbstfindungskrise" ich mich gerade befinde.

Fenster des Berliner Ensambles
Tschüss, BE; wir sehen uns wieder!
Jäh aus meinen Gedanken gerissen wurde ich dann aber, als jemand meinen Geldbeutel stahl und ich mich mit all dem bürokratischen Kram konfrontiert sah, der damit einherging. Da holt einen die Realität doch ganz schnell wieder ein und ich hatte eine anstrengende kurze Woche. Aber jeder noch so fiesen Woche folgt ein Ende und neben der neuen Staffel von Orange Is The New Black blieb zumindest ein bisschen Zeit für Gedanken, Gespräche und Spaziergänge. Ich bin sehr froh über die Menschen, die mich zur Zeit umgeben. Es mögen nicht mehr so viele sein, wie früher, aber dafür fühlen sie sich richtig an. Ich bin gerade selbst gespannt auf das Leben und vielleicht seid ihr es mit mir! ♥
Verschwimmende Lichter
Wenn alles durcheinander wirbelt...

Kennst Du lebensverändernde Momente, in denen Du alles in Frage stellst und Dich mal so richtig mit Dir selbst beschäftigst? Teile Deine Erfahrungen doch mit uns!  💖

Sonntag, 28. Mai 2017

23 Jahre – Bin ich jetzt erwachsen?

Ich werde 23 Jahre alt und frage mich: Bin ich jetzt erwachsen – also, so richtig?

Zwischen meinem 18. Geburtstag, dem eigentlich markanten Punkt des Erwachsenwerdens, und Heute liegen fünf Jahre. Unglaublich, wie viel gerade in letzter Zeit passiert ist. Während ich 2013 noch völlig planlos mit zwei Koffern und ohne Rückhalt nach Berlin stolperte, sieht es inzwischen so aus, als hätte ich mein Leben ganz gut im Griff: Ich habe ein abgeschlossenes Studium in der Tasche, einen Job, der meinen Lebensunterhalt finanziert, und ein Dach über dem Kopf. Was will man mehr?


Lucia Clara beim Kaffee trinken, © Katrin Eissing
Nachdenken übers Erwachsensein | Foto: Katrin Eissing


Vielleicht nervt es euch auch, dass ich ständig davon spreche. Aber ich muss mir wirklich immer mal wieder bewusst machen, dass mein Leben und ich zusammengehören. Denn manchmal fühlt es sich an, als würde das Leben ohne mich davonrennen; ich schaue der Zeit hinterher und bin eigentlich noch gar nicht bereit, loszulaufen. Vielleicht kennt ihr das – zumindest habe ich schon häufiger Menschen in meinem Alter darüber reden gehört, dass sie sich noch gar nicht so erwachsen fühlen, wie sie es ihrer Meinung nach sein müssten. Was bedeutet denn Erwachsensein? Vernünftig sein, spießige Sachen machen und sich langweilen? Dann ist bei mir irgendwas schief gelaufen. Alte Schulfreundinnen pflegten mir zu sagen, ich sei früher immer die Vernünftige gewesen und "schau, was jetzt aus Dir geworden ist" – ein bunt gefärbter Schmetterling, der im Dunkeln glitzert. Ehrlich gesagt bin ich nicht mehr mit Menschen befreundet, die sich meine kindliche Vernunft zurück wünschen. Denn eigentlich war ich nicht vernünftig, sondern bloß sehr verunsichert und eingeschüchtert. Also habe ich nie etwas Verbotenes oder Verrücktes gemacht.

Erwachsen zu werden war für mich jahrelang ein großes Ziel. Schon mit 14 habe ich mir monate-, wochen- und stundengenau ausgerechnet, wie lange es noch dauert, bis ich 18 werde. Und einen Tag, nachdem dieses Ereignis endlich eingetroffen war, saß ich in meiner ersten eigenen Wohnung, konnte mir selbst Entschuldigungen für die Schule schreiben und war zumindest auf dem Papier unabhängig. Dass mit dieser Zahl aber nicht automatisch alles perfekt wird, kannst Du in meiner Artikelreihe Ich und die Medien nachlesen. So richtig frei bist Du eben erst, wenn Du komplett auf eigenen Füßen stehst und nicht auf finanzielle Unterstützung angewiesen bist (nur meine persönliche Sicht!). Und auch das ist eine eingeschränkte Freiheit, denn ich werde dazu wöchentlich zum Büro-Zombie und merke erst an einem freien Tag, dass da irgendwo ja auch noch Ich bin...

Lucia Clara als Baby
Lucia als Baby,
Lucia Clara 13 Jahre alt
mit 13,
















Lucia Clara 18 Jahre alt
mit 18,
Lucia Clara heute, 22 Jahre alt
und heute mit 22.


Wie erwachsen hast Du in Deinen 20ern zu sein? Der erste Fehler ist, sich mit anderen zu vergleichen. Ich selbst zum Beispiel weiß, dass viele Menschen, die in anderen familiären Verhältnissen aufgewachsen sind als ich, ihre Prioritäten ganz anders setzen. Da ist finanzielle Unabhängigkeit vielleicht nicht so essenziell. Und es bringt mir gar nichts, mich zu fragen, warum andere Menschen so viel erfolgreicher sind, mehr unternehmen und zufriedener scheinen als ich. Wir alle haben unterschiedliche Voraussetzungen und Wünsche. Und jede*r wird zum individuell richtigen Zeitpunkt den individuell richtigen Weg für sich finden. Schließlich ist das Leben noch lang und es bleibt jede Menge Zeit, erwachsen zu werden.

Wie ist es bei Dir? Kommen Dir meine Gedanken bekannt vor? Oder bist Du schon älter und hast diese verrückte Zeit bereits hinter Dir? Berichte uns doch in den Kommentaren aus Deiner Sicht von Deinen Erfahrungen mit dem Erwachsensein! 💖

Samstag, 20. Mai 2017

Ich und die Medien #3 – Geldsorgen im Studium

Während meiner Studienzeit hatte ich fast immer Geldsorgen. Wie ich damit umgegangen bin und wie es mir jetzt mit meinem ersten Job geht, der meinen gesamten Unterhalt finanziert, erfährst Du in Teil 3 meiner Reihe "Ich und die Medien".

Gelber Blumentopf voller Kleingeld
Wenn man jeden Cent umdrehen muss...


Geld ist nicht alles, sagt man. Und das stimmt zweifellos! Aber Geld ist auch nicht nichts. Denn wer es nicht hat, dem geht es schlecht. Und wer zu viel davon besitzt, verhält sich zuweilen seltsam. Irgendwie muss sich also jede*r von uns mit Geld arrangieren. Was wahnsinnig überheblich klingt. Ich bin nicht gerade in armen Verhältnissen aufgewachsen. Ich hatte alles, was ich brauchte, aber auch nicht wesentlich mehr. Ein durchschnittliches Leben, was das Finanzielle betrifft. Aber wie das so ist im Studium, reicht der mühsam eingetriebene Unterhalt trotz zusätzlicher Nebenjobs höchstens gerade so. Meine Wohnungsnot während der ersten anderthalb Jahre in Berlin brachte auch noch Schwierigkeiten. Ich musste oft umziehen – von einer Zwischenmiete zur nächsten – und meine Kautionen habe ich mehrmals nie wieder gesehen. Aber ich hatte auch nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren und wenn Du keine Alternative hast, ziehst Du auch beim zwielichtigsten Vermieter ein.

Ich habe meine Studiengebühren über den Studienkredit finanziert, aber bevor es zu einer ersten Auszahlung kam, musste ich mich erst monatelang mit den Verantwortlichen rumärgern. Denn erst kamen die Unterlagen, die von der Bank an das Kreditinstitut geschickt werden mussten, niemals dort an und ich musste einen neuen Antrag stellen. Dieser wurde wegen eines Tippfehlers komplett und ohne einfach korrigieren zu können abgelehnt. Erst beim dritten Mal funktionierte es endlich. Und bis dahin rauschte mein Kontostand weit ins Minus und, ja, ich ernährte mich eine Zeit lang durch Flaschenpfand. Ich musste schwarz fahren, wurde mehrmals erwischt und konnte die Strafe nicht bezahlen. Irgendwann wurde sogar mein Konto gepfändet. Es ist übrigens überhaupt nicht einfach, aus so einer Situation wieder herauszukommen! Das alles verursacht ordentlich psychischen Stress und wohlgemerkt habe ich nebenbei noch studiert und gearbeitet. 

Als ich dann endlich die Zahlungen des Studienkredits erhielt, normalisierte sich langsam alles wieder. Ich fand ein erstes unbefristet vermietetes WG-Zimmer und wurde nach und nach die ganzen Schulden los, die sich angesammelt hatten. Das einzige, was noch übrig geblieben ist, ist natürlich der Kredit. Man könnte im Nachhinein darüber streiten, ob es so klug war, überhaupt einen privaten Studiengang zu wählen. Aber, wie ich in Teil 1 dieser Artikelreihe schon berichtet habe, trifft eine 18-jährige nicht unbedingt die logischsten Entscheidungen. Außerdem lässt sich die Vergangenheit sowieso nicht ändern und: Es ist ja ganz gut ausgegangen.
Ich vor meiner Wand mit Bildern
Ich und die Wand-Schönheiten

Wie ihr wisst, arbeite ich nun seit April in meinem ersten Job nach dem Studium – als Online-Redakteurin in einer Marketing-Agentur. Nachdem ich Ende Februar erst mein Bachelor-Kolloquium hatte, ging das vermeintlich recht schnell. Trotzdem habe ich ganz schön gezittert, in den Monaten zuvor. Schließlich wäre ich vermutlich wieder in finanzielle Not geraten, hätte ich nicht so zeitnah etwas gefunden. Und ich wollte das unbedingt: Endlich unabhängig sein und mein Leben allein finanzieren.

Nun steht mir natürlich auch kein Vermögen zur Verfügung, aber ich stehe auf eigenen Füßen, kann meine Miete bezahlen und brauche im Supermarkt nicht mehr jeden Cent umzudrehen. Das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl nach jahrelangem Ärger mit Kreditinstituten und Unterhaltspflichtigen. Aber der Stress hat auch seine guten Seiten: Ich kann hervorragend mit Geld umgehen und bin aus Gewohnheit im Grunde noch genauso geizig wie bisher. Und ich weiß Dinge sehr zu schätzen, die jetzt möglich und für andere vielleicht selbstverständlich sind. Ich habe beispielsweise zum ersten Mal in meinem Leben Essen bestellt – das war ein so luxuriöses Gefühl, dass ich mit leuchtenden Augen und glücklichem Grinsen dem Boten sein Trinkgeld in die Hand drückte. Aber auch eine lang ersehnte Wandverschönerung konnte ich vornehmen.

Die größte, aber auch dringendste Anschaffung in diesem ersten Monat ohne Geldsorgen war ein funktionierendes Smartphone, das nicht ständig abstürzt und aus geht. Selbst gekauft habe ich mir so ein Gerät zuletzt vor ungefähr fünf Jahren. Als Sparfüchsin habe ich natürlich keines von den teuren Marken gewählt. Aber es hat eine lange Akkulaufzeit und eine sehr annehmliche Kamera – das heißt, ich kann jetzt wieder besser und aktiver auf Instagram sein und euch in meinen Stories mitnehmen. Gut erreichbar zu sein und jederzeit auf Social Media zugreifen zu können, ist ja einfach wichtig als Medienmensch. Nun ist aber erstmal genug mit Geld ausgeben. Mein ebenfalls schon sehr alter, gebrechlicher Laptop muss wohl noch eine Weile durchhalten, bevor ich ihn in den Ruhestand schicke.

Frühstück und Kaffee, erstes Handyfoto
Eines der ersten Fotos mit dem neuen Handy


Was will ich mit diesem Post sagen? Auch wenn es von außen vielleicht anders aussieht – Studium fast in Regelstudienzeit mit guter Note abgeschlossen und schnell einen Job gefunden – ist das (Über-)Leben nicht immer so einfach. Und wer sich in einer Notlage befindet, hat oft das Gefühl, dass es keinen Ausweg gibt. Aber: Es geht immer irgendwie weiter. Und irgendwann wird es besser und später vielleicht wieder schlechter, aber die Zeit bleibt nicht stehen und Situationen verändern sich – zum Glück!

Also halte durch in der Not und freue Dich über die guten Zeiten! Erzähl mir doch in den Kommentaren, ob Du auch schonmal Geldsorgen hattest und wie es Dir damit ging. 💖