Sonntag, 26. November 2017

Ich bin ambivertiert. Na und?! – #Soulcarespecial

Bin ich eigentlich introvertiert oder extrovertiert? Bestimmt hast du dir diese Frage schon einmal gestellt und versucht, dich in eine der beiden Kategorien einzuordnen. Aber wusstest du eigentlich, dass man auch ambivertiert sein kann? In meinem Teil des #Soulcarespecial von Kisudoesstuff erfährst du, was ambivertiert bedeutet und warum du dich für deine Wesensart nicht zu schämen brauchst!

Ich bin ambivertiert... NA UND?
Bist du auch ein Pinguin? Oder eher eine Eule (introvertiert) oder eine Krähe (extrovertiert)?


"Du musst einfach extrovertierter werden", sagte, nicht ohne einen Hauch von Verzweiflung in der Stimme, mein Klassenlehrer zum gefühlt einhundertsten Mal zu mir. Er  aus heutiger Sicht  selbst eher von der introvertierten Sorte. Ich hatte keine Ahnung, was genau beide Worte bedeuteten. Ich wusste nur: Extrovertiert = gut. Ich, seiner Meinung nach introvertiert = schlecht. Davon abgesehen, dass mir diese Aussage suggerierte, ich sei schlecht, war ich mit dieser Bewertung meiner Persönlichkeit nicht einverstanden. Attribute wie "passiv, schüchtern und reserviert" passten mir so gar nicht. Ich bin zwar auch kein Social Butterfly, keine nervige Labertasche, kann gut und gerne Zeit allein verbringen. Aber ein Mauerblümchen, jemand, der sich verstecken und mit niemandem etwas zu tun haben will, eine Einzelgängerin bin ich nicht. Ich stand als Kind und Jugendliche schon ständig musikalisch auf der Bühne, halte gerne Vorträge und werfe mich dem Internet zum Fraß vor... Geht das überhaupt, wenn man nicht extrovertiert ist?

Ambivertiert... Was ist das denn?

Als Kisu mich gefragt hat, ob ich an ihrem #Soulcarespecial teilnehmen möchte, habe ich ein neues Wort gelernt: ambivertiert. Was das ist? Ambiversion ist eine große Grauzone mit vielen Schattierungen, die sich zwischen den beiden Extremen introvertiert und extrovertiert befindet. So einfach, wie es sich Schwarz-und-Weiß-Denker wie mein Klassenlehrer gerne machen, ist es nämlich nicht: Kaum ein Mensch ist tatsächlich nur das eine oder das andere.

Schauen wir uns die jeweiligen Merkmale einmal genauer an, stellen wir fest, dass die Vorstellung einer Welt, in der alle Menschen auf diese beiden Schubladen verteilt sind, nicht sonderlich sympathisch erscheint. Extrovertierten wird nachgesagt, sie seien laut, künstlich, raumeinnehmend, smalltalk-begabt, egoistisch und sie kämen mit ihrer Einstellung auch noch hervorragend durchs Leben. Introvertierte hingegen haben den Ruf, ein zurückgezogenes Leben zu führen, Kontakte zu (verab-)scheuen, nie etwas zu sagen und keine eigene Meinung zu haben, obwohl sie den ganzen Tag lang grübeln  was ihrem Erfolg im Leben nicht gerade zugute kommt.

Jetzt habe ich natürlich die negativen Aspekte besonders hervorgehoben. Dabei lassen sich die kontaktfreudigen, durchsetzungsstarken Extrovertierten noch durchaus einfach positiv beschreiben, während die introvertierten Eigenbrötler es schwerer haben. Deshalb auch die häufige Einteilung in gut (extrovertiert) und schlecht (introvertiert). Völliger Unsinn, wenn du mich fragst, und zum Glück weichen diese Stereotype inzwischen schon immer mehr auf.

Ambiversion irgendwas dazwischen

Das Wort ambivertiert kommt von lat. ambo = beide. Das heißt, ambivertiert zu sein, bedeutet eigentlich nicht, zwischen den Stühlen zu sitzen, sondern sowohl introvertierte als auch extrovertierte Merkmale in der eigenen Persönlichkeit zu vereinen. Ambiversion lässt sich nicht eindeutig definieren. Ob du eher in Richtung extrovertiert oder introvertiert tendierst oder dich genau in der Mitte befindest und welche Merkmale beider Zustände im Speziellen auf dich zutreffen, hängt ganz von deinem individuellen Wesen ab. Das sind die vielfältigen Schattierungen unserer Grauzone, die sie eigentlich ganz schön bunt machen.

Ambivertiert zu sein, kann viele Vorteile haben – abhängig davon, welche Eigenschaften des introvertierten und des extrovertierten Typs du vereinst. So profitierst du beispielsweise gleichermaßen von deiner Freude an Smalltalk und dem Knüpfen neuer Kontakte sowie deiner Fähigkeit, gut zuzuhören und Sachverhalte klug zu durchdenken, bevor du eine Entscheidung triffst. Außerdem kannst du deine Energie womöglich aus verschiedenen Quellen schöpfen: Allein bei einem guten Buch oder einer spannenden Serie entspannst du dich genauso gern wie an einem geselligen Abend mit deinen Freunden.

Ich schaue hinter einem Baum hervor
Ich bin ambivertiert! Mal mehr, mal weniger gesprächig.

Warum ich ambivertiert bin

Kisu kam auf mich zu mit der Anfrage, ob ich einen Blogpost über die Charaktereigenschaft schreiben könnte, die aus den Optionen intro-, extro- und ambivertiert am ehesten auf mich zutrifft. Gegen das introvertierte Extrem habe ich mich stets gewehrt, weil es meiner Ansicht nach nicht auf mich zutrifft. Steht als Alternative nur noch extrovertiert zur Wahl, kann ich jedoch nachvollziehen, dass andere mich eher der Kategorie introvertiert zuordnen würden. Abgesehen davon, dass es nicht den anderen obliegt, meine Persönlichkeit zu beurteilen, möchte ich zum Schluss noch erläutern, warum ich mich mit der Ambiversion inzwischen am besten identifizieren kann.

Wie sehr ich das Alleinsein schätze, wird mir besonders bewusst, seit mein Leben zwischen Arbeit (Kolleg*innen), Uni (Kommiliton*innen) und Fernbeziehung (Freundin) rotiert. Alle zwei Wochen einen oder zwei Tage ganz mit mir allein zu verbringen, das finde ich wunderbar. Wenn ich nicht jede Minute von Menschen umgeben bin, genieße ich es viel mehr, mich mit Freund*innen, die mir wirklich wichtig sind, zu treffen und zu unterhalten. Ebenso spannend finde ich es, neue Leute kennenzulernen und mir ihre Geschichten anzuhören. Ich rede gerne – deshalb gehe ich lieber in Cafés, Bars oder auf WG-Partys und meide vollgestopfte Clubs, in denen es so laut ist, dass schon das Bestellen eines Getränks kaum möglich ist.

Es gibt Tage, Situationen und Uhrzeiten, zu denen meine Worte rar gesät sind. Ich nenne das Energiesparmodus. Manchmal gehe ich belanglosem Smalltalk oder uninteressanten Gesprächen bewusst aus dem Weg – weil es sich nicht lohnt oder ich schlicht keine Lust habe, Energie darin zu investieren. Weil ich ein Morgenmuffel bin, lernen mich Arbeitskolleg*innen und Kommiliton*innen leider häufig zunächst von dieser Seite kennen – und bilden sich ein vorschnelles Urteil. Dann drehen sie sich überrascht und erschrocken zu mir um, wenn ich plötzlich ausspreche, was alle denken und niemand zu sagen wagt. Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, positioniere ich mich dazu und riskiere auch mal einen verärgerten Professor und in der Folge schlechte Noten.

Erst kürzlich sagte mir jemand, ich sei gründlich. Damit ist garantiert nicht meine Ordnungsliebe im Haushalt gemeint – hier herrscht ganz extrovertiertes Chaos. Vielmehr ging es um die Tatsache, dass ich viel nachdenke, recherchiere und analysiere, bevor ich mich zu etwas äußere. Ich würde mir nie eine abschließende Meinung bilden über einen Sachverhalt, von dem ich überhaupt keine Ahnung habe. Das ist zumindest mein Anspruch. Und für genau solche Grübeleien brauche ich die Kraft, die ich mir durch den Energiesparmodus aufhebe.

Ambivertiert. Na und? Sei, wie du bist!

Als mich mein Lehrer ansprach, da war ich nicht introvertiert. Da hatte ich zwar Probleme zu Hause und gehörte nicht gerade zu den Beliebtesten meiner Klasse. Der Rat, einfach extrovertiert zu werden, war jedoch fehl am Platz. Er sollte eine Antwort auf meine Sorgen sein. Mal eben deine Persönlichkeit zu wechseln, ist eine wenig lösungsorientierte Empfehlung – es ist nämlich gar nicht möglich. Du kannst nicht jemand anders sein. Und das musst du auch nicht. Egal, ob du intro-, extro- oder ambivertiert bist oder du dich keiner dieser Kategorien zuordnen möchtest: Du bist gut so, wie du bist. Jede Charaktereigenschaft hat ihre Berechtigung, jede Persönlichkeit ihre Stärken und Schwächen. Verabschiede dich vom Schubladendenken und mache dir die Vielfältigkeit deiner Mitmenschen bewusst!

Welcher Kategorie würdest du dich zuordnen? Bist du introvertiert, extrovertiert oder ambivertiert? Lass es uns wissen unter dem Hashtag #Soulcarespecial oder schreibe selbst einen Blogbeitrag zu diesem Thema – und vergiss nicht, auch bei Kisudoesstuff vorbeizuschauen! 

Sonntag, 22. Oktober 2017

"Herbstliebe" und andere ‒ Gedichte im Herbst

Unaufhaltsam ist Herbst geworden. Wie immer bedeutet eine neue Jahreszeit bei Blitzlichtglitzer auch einen neuen Blogpost mit saisonalen Gedichten. Der Herbst ist offenbar nicht meine geistreichste Zeit, was Poesie betrifft, denn ich konnte nur wenige Werke finden, die ich tatsächlich im Herbst verfasst habe. Deshalb gibt es zuerst ein ganz aktuelles ‒ von heute! ‒, danach ein ganz altes und zum Schluss eines, das, nunja, nicht ganz im Herbst entstanden ist. Viel Spaß beim Lesen! 😉

Lucia im Porträt verschmitzt lächelnd
herbstverliebt | Foto: hml-art


Herbstliebe


Ein müdes Blatt stürzt sich vom Baum
Und flattert lose durch den Raum,
Fällt hinab zur braunen Erde,
Auf dass es eins mit ihr werde.

Unterm Baum, da stehen du und ich.
Du fängst das Blatt. Für mich.
Ich hab dir eine Kastanie geschenkt.
Du hast sie in deiner Jackentasche versenkt.

Wir gehen still und Hand in Hand –
Mal guckt einer blöd, mal starrt er unverwandt.
Vorhin hast du mir einen Kuss gegeben.
Deine rotblonde Haarsträhne blieb an meinen Lippen kleben.

Jetzt sehe ich dich an.
Du grinst dann...

Noch sind nicht alle Blätter unten.
Vor allem nicht die schönen bunten.
Fangen wir sie alle auf!
Bauen einen Laubhaufen und schlafen drauf,
Bis dann der Frühling ganz sacht
Mit uns beiden zusammen erwacht.

(22. Oktober 2017)


Rabentod


Hoch oben am Himmel
Flog durch das Gewimmel
Von Wolken ein Rabe,
Auf dass er sich labe
An südlicher Luft
Und atme den süßlichen Duft,
Den die Blüten versprühten,
Des Abends, als noch alle sich mühten,
Zu verdienen ihr tägliches Brot.

Plötzlich traf ihn eine Ladung Schrot.
So starb nun im Abendrot
Der Rabe seinen Rabentod.

(26. Oktober 2008)



Leben


Das Leben, es geht weiter.
Immer und immer.
Gnadenlos.
Zu Ende.

(03. April 2015)

Ein See, der die Abendsonne spiegelt.
Rabentod im Abendrot


Ich hoffe, dir sind beim Lesen ein paar schöne Herbstbilder und -erinnerungen durch den Kopf gegangen. Was liebst du am Herbst? Schreib es mir doch in die Kommentare! 💖



Samstag, 7. Oktober 2017

Von Pendlerstress und Stürmen

Angefangene Blogposts sammeln sich in meiner Entwurfsliste. Warum sie nicht fertig werden? Tja. Manchmal schreibe ich im Zug ein paar Zeilen. Dann stelle ich fest, dass das Thema zu komplex ist, um damit so bald wie möglich fertig zu werden. Oder mir gefällt der Entwurf gar nicht mehr, an dem ich gerade arbeite, weil das Thema zwar leichtgängig ist, aber mich selbst nicht richtig überzeugt. Gute Blogposts brauchen Zeit. Und Zeit, die fehlt mir momentan. Ihr wisst ja, ich habe meinen Job gekündigt, fange gerade an, meinen Master in Brandenburg zu studieren, und arbeite währenddessen noch in Berlin.

Hohes Gras vor bewölktem Himmel
Ein Sturm kommt auf...

Mit dem Sturm raus aus der Komfortzone

Da ist mein Pendlerleben gerade mal zwei Wochen alt und es kommt dieser schlimme Sturm auf, der mich mehr als 24 Stunden in der kleinen Stadt Brandenburg festsitzen lässt. Ich fahre am Donnerstag Abend kurz mit der Straßenbahn zum Bahnhof, um nachzusehen, ob vielleicht doch noch ein Zug nach Berlin, nach Hause fährt. Ich spreche ein fremdes Paar an, was ich sonst nie tun würde, und erfahre, dass der anwesende Zug dort schon seit nachmittags um vier herumsteht. Seltsam, wie sich die sozialen Interaktionen in einer Krisensituation verändern. Ich rufe also meine Kommilitonin an, die mir extra für diesen Fall ihre Nummer gegeben hat, und frage, ob ich bei ihr in der WG übernachten kann. Es bleibt keine Zeit zu zögern; schließlich habe ich gerade keine andere Möglichkeit, als dieses freundliche Angebot anzunehmen. Gerne, sagt sie und fragt mich, was ich essen will.

Ich verbringe den Donnerstagabend also mit zwei Frauen, die ich erst seit einer Woche kenne, während andere Menschen in Zügen übernachten oder von Bäumen erschlagen werden. Wir kochen und essen, unterhalten uns über das bevorstehende Studium und unsere bisherigen Leben. Beim ersten Kennenlernen gewann ich noch den Eindruck, die beiden müssten zu denen gehören, die in der Schule der Kategorie der "Coolen" zugeordnet worden wären ‒ also weit, weit über mir stehen. Aber wir sind nicht mehr in der Schule. Ich berichtige das "Wo wohnt dein Freund?" in "Freundin" und niemand wundert sich. Eine seltene Überraschung, mein bisheriges Leben betrachtend. Eine Tasse wird zum Kontaktlinsenbehälter umfunktioniert, ich bekomme nach Waschmittel duftende Klamotten und muss ohne Zähneputzen ins Bett.

Der Tag nach dem Sturm

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, um bei der Arbeit anzurufen. Bis zum Mittag soll die Bahnstrecke noch gesperrt sein. Statt (viel) später mit der Arbeit anzufangen, entschließe ich mich dazu, einen Urlaubstag zu vergeuden, denn ich brauche das Geld. Gut so: Je weiter der Tag fortschreitet, desto weiter rückt auch der Zeitpunkt in die Ferne, an dem die Züge voraussichtlich wieder fahren sollen. Den Großteil des Tages verbringe ich damit, nach einer Möglichkeit zu suchen, die mich nach Hause bringen kann. Irgendwann wird es mir zu langweilig, mit anderen Gestrandeten in der Bibliothek zu hocken. Draußen scheint jetzt wieder die Sonne. Absperrband flattert rund um die lädierten Bäume auf dem Campus. Ich spaziere durch die Stadt, kaufe mir im Supermarkt etwas zu essen und stelle fest, dass es verschimmelt ist. Es fängt an, große, platschende Tropfen zu regnen. Der Zug von gestern steht immer noch am Bahnhof, doch Rettung naht. Wahrscheinlich säße ich heute immer noch in Brandenburg, wäre nicht jemand extra mit dem Auto von Berlin gekommen, um mich abzuholen.

Ich war gar nicht so weit entfernt von zu Hause wie viele andere ‒ und doch kam ich nicht vom Fleck. Ich war ohne Zahnbürste und ohne WLAN gestrandet; naja, es gibt Schlimmeres. Aber es zeigt, wie wichtig und bereichernd Mobilität und (Online)-Kommunikation sind. Ohne letztere hätte mir gestern womöglich auch noch der Schlafplatz gefehlt. Obwohl der Freitag für mich ein eher leerer Tag gewesen ist, war die Erfahrung lehrreich. Genauso wie kein Geld zu haben mir beigebracht hat, mit Geld umzugehen!

Während die Züge still stehen und Menschen einander helfen, geht es auf Twitter rund. Das Nachwehen, sozusagen. Sieben Tote, denke ich, das hört man so oft, dass es gar nicht wirklich ankommt. Aber das Twitter-Profil einer plötzlich toten Person, die vor zwei Tagen noch gezwitschert hat, anzusehen, ist schon unheimlich. Mitten im Leben einfach so vom Tod aus dem Alltag gerissen zu werden, gruselige Vorstellung. Mein Verhältnis zum Sterben scheint nicht das gesündeste zu sein, aber bei wem ist das schon anders? Ich sollte einen Blogpost über den Tod schreiben...

Regebogen über einer regennassen Straße nach Gewitter
Nach dem Sturm gibt's immerhin einen Regenbogen.

Ich stürme ins Pendlerleben

So startet also mein neuer Lebensabschnitt ‒ stürmisch. Und jetzt bin ich froh, mein Wochenende zu Hause ohne Blogpost-Ideendruck verbringen zu können. Denn wenn ich mal was erlebe, schreibt sich der passende Artikel wie von selbst. Wenn hier also nichts neues zu lesen ist, erlebe ich entweder nichts oder ich bin gerade mitten drin im Erlebnis. Den ein oder anderen Entwurf habe ich aber noch in petto, der Post über den Tod kommt bestimmt und für nächstes Wochenende habe ich mir schon die nächste Herausforderung vorgenommen. Bald kommen wieder "Gedichte im Herbst" und ein neuer Teil von Ich und die Medien. Also dran bleiben und auf der Blitzlichtglitzer-Facebookseite immer als erstes informiert werden, wenn es neues Lesefutter gibt!

Ich hoffe, ihr alle habt das stürmische Wetter gut überstanden und genießt ein wunderbares Wochenende! 💖💖💖

Freitag, 8. September 2017

Ich habe gekündigt! – Ich und die Medien #4

Ja, du liest richtig! Vor ein paar Monaten habe ich noch aufgeregt von der Zusage für meinen ersten richtigen Job berichtet – jetzt habe ich gekündigt. Warum und wie es jetzt weitergeht, erfährst du in Teil 4 meiner Reihe Ich und die Medien.

Laptop mit geöffneter Blitzlichtglitzer-Seite, Handy, rosa Notizbuch und rosa Kaffeetasse mit weißen Punkten stehen auf Holzdielenboden
Das Equipment wächst. Habe ich jetzt mehr Zeit zum Bloggen?

Was bisher geschah...

Ich habe also gekündigt. Warum? War der Job scheiße? – Nein. War er mein Traumjob? – Auch nicht. Aber das habe ich von meiner ersten Arbeitsstelle nach dem Studium auch nicht erwartet. Vielmehr war meine Stelle als Online-Redakteurin bei einer Marketing-Agentur ziemlich genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Während meines Bachelor-Studiums arbeitete ich ja bereits zwei Jahre als freie Texterin für eine andere Agentur. Ich war also gut vorbereitet auf meine Aufgabe: Texte schreiben zu vielen unterschiedlichen Themen – nur eben im Korsett einer 40-Stunden-Woche im Großraumbüro. Ich kann prinzipiell zu jedem Thema und jeder Zeit irgendwas schreiben. Letztlich ist das, was so große Agenturen machen, aber Fließband-Texten – manchmal schreibst du 30 Texte zum selben Thema, von dem du oft nicht den blassesten Schimmer hast; einen nach dem anderen, acht Stunden am Stück. Das geht natürlich auf Kosten der Qualität. Und mir persönlich ist das, obwohl ich es mitunter gerne mache, auf Dauer zu eintönig. Eine so kreative Tätigkeit wie das Verfassen von (nicht nur für Google) lesenswerten Texten lässt sich eben schwer in die Struktur eines herkömmlichen Arbeitstages sperren.

Auch das war mir bewusst, als ich den Job angenommen habe. Schließlich sollte er ja auch eine erste, keine Endstation sein. Mir war von Vornherein klar, dass das Thema Ausbildung für mich mit dem Bachelor noch nicht abgeschlossen war. Auf einige Volontariate hatte ich mich mit ausbleibendem Erfolg beworben, ein Master-Studium aus finanziellen Gründen ausgeschlossen. Und ewig Zeit hatte ich mit meiner Ebbe im Geldbeutel auch nicht, zu warten, bis mir etwas perfekt Passendes über den Weg laufen würde. Das wäre auch recht hochmütig gewesen. Mein Vertrag war ohnehin auf ein Jahr befristet, sodass ich beschloss, dieses Jahr zu nutzen, um Geld zu verdienen, Arbeitserfahrung zu sammeln und in Ruhe zu überlegen, wo es als nächstes hingehen sollte.

Soll ich wirklich kündigen?

Ein ganzes Jahr habe ich mir nun nicht Zeit gelassen. Und um das Geheimnis endlich zu lüften: Ich habe mich doch für einen Master entschieden – im Fach Digitale Medien. Das wäre so nicht möglich, hätte ich nicht vor gut einem halben Jahr diesen Job als Online-Redakteurin angenommen. Ich werde nämlich weiter in der Firma arbeiten, nur eben als Werkstudentin mit 20 Wochenstunden. So muss ich mir weder etwas neues suchen, noch um mein finanzielles Überleben während des Studiums bangen.

Das klingt alles nach einer durchdachten Entscheidung, jetzt, da sie getroffen ist. Leicht habe ich es mir allerdings nicht gemacht. Schließlich heißt es in so ziemlich allen Ratgebern: Mindestens drei Jahre sollten Sie es in einem Job, den Sie nicht mögen, schon aushalten. Auch wenn meine Arbeit nicht schrecklich war: Drei Jahre?! Das ist doch wahnsinnig viel Zeitverschwendung! Klar, den Job zu wechseln oder eben, wie in meinem Fall, etwas ganz anderes zu machen, ist ein Privileg und nicht jede*r hat die Möglichkeit. Und ich weiß auch, dass es dabei um die drei Jahre Arbeitserfahrung geht, die du am besten schon vor deinem ersten Job gesammelt haben sollst. Aber wenn da eine neue Chance winkt, dann ist die Angst, sich auf diese Weise den Lebenslauf zu versauen, das wohl schlechteste Argument, stattdessen drei Jahre Stillstand zu akzeptieren, oder? Doch genau diese Angst wuchs in mir, je näher der Tag der Entscheidung rückte.

Zettel mit den handgeschriebenen Worten "Freiheit", "Wahrheit", "Herausforderung" liegt auf Laptop-Tastatur.
Neue Ziele für meine berufliche Zukunft!

Die Entscheidung – ein schwieriger Prozess

Ich hatte einige Bewerbungen rausgeschickt. Einfach so, um zu sehen, ob ich überhaupt eine Zusage bekäme. Darüber nachdenken könnte ich ja dann immer noch, dachte ich – so schob ich die Verantwortung für die Entscheidung erst einmal von mir weg. Ich hatte die Rechnung allerdings ohne zulassungsfreie Studiengänge gemacht. Zwischen Absagen, Abwarten und Verwerfungen fand ich so einen, der mir zusagte, auch wenn sich die Hochschule im entfernten Brandenburg befinden sollte. Na gut, dachte ich, den lasse ich mir mal als Hintertürchen offen – ich brauchte mich schließlich nur einzuschreiben und das ginge auch noch kurz vor Semesterbeginn.

Ihr müsst wissen, dass ich im Bachelor mit "lausigen" 2,1 abgeschnitten habe. Das bedeutet, es an den staatlichen Unis in Berlin in einen zulassungsbeschränkten Master-Studiengang mit Medienbezug zu schaffen, ist ziemlich utopisch. Ich habe es natürlich trotzdem versucht. Die Antworten ließen allerdings ewig auf sich warten, sodass ich langsam in Panik geriet: Ich wusste, ich wollte im Wintersemester meinen Master beginnen; das fühlte sich einfach richtig an. Aber was, wenn das gar nicht klappen würde? Sollte ich dann Brandenburg nehmen? Den "Arsch der Welt"? Täglich pendeln?! Ich schaute mir den Studiengang noch einmal genauer an – und gewann echtes Interesse an meinem Notnagel! Nur an der Kompatibilität meiner technischen Fähigkeiten mit den Fächern zweifelte ich noch. Es würde eben eine Herausforderung werden. Endlich einmal wieder eine richtige, risikoreiche Herausforderung! – Schon schwappte mir die nächste Panik-Welle über den Kopf: Was, wenn ich nun doch in Berlin angenommen werden würde, nachdem ich mich so gut mit Brandenburg angefreundet hatte?

Irgendwann musste ich mich dann wirklich entscheiden. Ich hatte mir den letzten möglichen Kündigungstag errechnet. Meine Kündigung lag ausgedruckt auf meinem Schreibtisch. Die Kündigungswoche begann. Keine Benachrichtigung von Berlin. Ich stellte also die Unterlagen für Brandenburg zusammen. Zur allergrößten Not könnte ich mich immer noch umimmatrikulieren lassen, auch wenn ich dann den Semesterbeitrag nicht zurückbekommen würde. Eigentlich war die Entscheidung schon längst gefallen. Aber wie das so ist, schiebt sich kurz vor der Umsetzung immer noch einmal die rosa Brille ins Blickfeld und du fragst dich: Bin ich wirklich gerade im Begriff, sämtliche Sicherheiten aufzugeben und mich auf völlig unbekanntes Terrain zu begeben? Schließlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob es mit der Werkstudententätigkeit klappen würde, Bafög-Anspruch habe ich keinen und familiären Rückhalt erst recht nicht. Ja, antwortete ich mir selbst, und machte mich auf den Weg zur Chefin.

Ich schüttele meine rosa Haare durch die Gegend.
Ein bisschen verrückt ist das alles schon... | Foto: hml-art

Und jetzt...?

Meine Kündigung wurde gut und verständnisvoll aufgenommen. Ich denke, man war ziemlich zufrieden mit meinen Leistungen; ich habe immer gutes Feedback bekommen und darf als Werkstudentin weiter dort arbeiten. In den letzten Monaten habe ich jedenfalls sehr an Vertrauen in meine Fähigkeiten gewonnen und meinen Schreibwerkzeugkasten erweitert. Mit der Entscheidung für das Master-Studium bin ich bisher sehr glücklich, auch wenn die Vorlesungen noch gar nicht angefangen haben. Aber ich spüre die Erleichterung nach diesem wochenlangen Entscheidungsprozess und ich freue mich auf all die neuen Sachen, die ich jetzt machen darf. Vielleicht werde ich sie nicht so gut können, vielleicht ergeben sich aber auch völlig neue Möglichkeiten und zum Lernen bin ich ja da. Das nervt mich sowieso, dass du am besten alles schon können sollst, um überhaupt eine Chance auf die Ausbildungsmöglichkeiten zu haben. (Für Berlin habe ich übrigens eine Absage bekommen, die Rückmeldung für einen weiteren Studiengang steht noch aus.)

Wenn ich mich jetzt frage, ob ich eigentlich bekloppt bin, mich in ein so eisiges Wasser zu werfen, denke ich: Ja, aber das passt sehr gut zu meinem Lebenslauf (dem "echten") und jede vernünftigere Entscheidung hätte vermutlich nicht meinem Wesen entsprochen. Jetzt im September finden an der Uni erst einmal nur Einführungsveranstaltungen statt und ich arbeite schon seit einer Woche die 20 Stunden. Das heißt, ich habe jetzt etwas mehr Zeit zum Bloggen (für diesen Post hier habe ich aber auch viel länger gebraucht als sonst), denn das Sommerloch ist jetzt auch endlich vorbei. Ich werde euch auf meinem Weg in den Medienberuf, der jetzt auch wieder ein Weg ist, weiterhin gerne mitnehmen und aus meinem Leben mit Studium und Job und Blog berichten.

Langfristig sind Marketingtexte im vorteilsbetonenden Werbesprech nicht das einzige, was ich mein Leben lang schreiben möchte. Vielmehr interessiere ich mich für die Wahrheit. Ich möchte das, was tatsächlich um mich herum (und auch weiter weg) passiert, zu Worten verarbeiten und sie durchs Internet jagen oder auch in ein Buch drucken lassen oder sie aussprechen. Um Botschaften zu vermitteln, brauche ich jedenfalls Medien sowie die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Und da die Zukunft der Medien digital ist, glaube ich, einen passenden Studiengang für meine Ziele ausgewählt zu haben.

Ganz schön viel Veränderung also bei mir – wie ist das bei dir? Lässt du dich auch gerade auf etwas Neues ein oder fährst du ganz gut mit dem, was du gerade tust? Und wie sieht es bei dir mit dem Entscheiden aus? Lass es mich wissen im Kommentarbereich! 💖

Sonntag, 6. August 2017

Wie das Internet mich frei machte

Neulich las ich das schon zehn Jahre alte Buch "Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle" von Miriam Meckel (erschienen: 2007 im Murmann Verlag). Damals waren Smartphones etwas ganz Neues, WhatsApp gab es noch nicht und an die Influencer auf Instagram war noch nicht zu denken. Es war spannend, von dieser Zeit zu lesen, in der es neu war, E-Mails auf dem BlackBerry zu empfangen, die Leute noch SMS schrieben und man zum Teil finstere Zukunftsprognosen für die heutige Gegenwart stellte. In dem Buch geht es um die Anforderungen, die die neuen, sich rasant entwickelnden Kommunikationsmöglichkeiten an die Menschen und die Gesellschaft stellen, und wie sie damit umgehen. Vieles davon ist noch heute aktuell. Ist ja auch noch gar nicht lange her, aber wer die Technologien von "damals" und heute vergleicht, dem kommt das wie eine Ewigkeit vor.

altes Handy, Sony-Erricson-Mobiltelefon von 2008
Mein erstes Handy: seit neun Jahren unkaputtbar


Internet gestern

Als das Buch erschien, war ich 13 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, dass ich 2008 zum ersten Mal das Internet benutzen durfte – im Kinderzimmer meiner Schwester stand ein Windows 95. Meine erste Station im WWW war SchülerVZ. Wir hatten die Erlaubnis erhalten, uns dort anzumelden und mit unseren Freund*innen zu vernetzen. Von der riesigen Welt hinter dem Bildschirm, die unser Leben heute nachhaltig beeinflusst, ahnte ich damals noch nichts. Mit 15 knackte ich die Passwörter meines Vaters auf meinem Laptop, den mir meine Eltern geschenkt hatten, als sie mich aufs Internat schickten. Er hatte damit festgelegt, welche Internetseiten ich besuchen durfte, und außerdem eingestellt, dass sich der Laptop um 21 Uhr automatisch abschaltete. Als nächstes fand ich heraus, wie ich mir eine eigene E-Mail-Adresse erstellen konnte. Die Mails an meine Adresse des "Familien-Servers" kamen nämlich auch auf dem Rechner meines Vaters an und er konnte alles mitlesen.

Nun war ich frei, mitten im Käfig meiner Minderjährigkeit, in dem ich die Schulwochen herbeisehnte und die Wochenenden fürchtete. Nächtelang suchtete ich auf YouTube die Story des GZSZ-Paares "Paula & Franzi" – die erste Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, die mir in meinem Leben begegnet ist. Ich meldete mich bei einem Forum an, in dem ich darüber schreiben konnte, wie sich die Lage zuspitzte, als die Schule meine Eltern darüber informierte, dass ich in Liebesdingen möglicherweise anders orientiert sein könnte... Lange hielt ich es dort aber nicht aus, denn ich fühlte mich dabei immer, als würde ich etwas Schreckliches, Verbotenes tun, und konnte mich darüber schwer verbal ausdrücken. Dennoch war das Internet von nun an immer an meiner Seite, wenn ich mich ans Hinterfragen der einseitigen, engstirnigen Ansichten meiner Familie machte. Es war eine unerschöpfliche Informationsquelle, die mich neben Büchern lehrte, immer mehr wissen zu wollen und Aussagen zu prüfen, bevor ich sie einfach glaubte.

Internet heute

Das Internet hatte immer schon Kritiker*innen. Heute lesen wir besonders häufig von "Hass im Netz", über das Internet verbreitete "Fake News"oder das "Postfaktische Zeitalter", ein Begriff, der mit dem Medium Internet eng verwoben scheint. Darüber können und müssen wir auch sprechen, uns mit den dahinterstehenden Themen beschäftigen und Lösungen finden. Das Internet als Ganzes sollten wir aber nicht verteufeln. So wie Pauschalisierungen generell unangebracht sind. Für mich persönlich hat das Internet heute wie als Teenagerin eine große Bedeutung. Zum einen ist es natürlich mein Beruf als Online-Redakteurin. Das Internet bietet mir die Möglichkeit, mein Schreiben vom Notizbuch in die Welt zu tragen. Aber es ist noch viel mehr: Das Internet hat mir die Menschen gebracht. Es ist schließlich ein Kommunikationsmedium. Durch Foren, Social Media und natürlich das Bloggen, das ich seit 2013 betreibe, sind viele schöne Verbindungen entstanden, die ich nicht missen möchte. Natürlich lerne ich auch außerhalb der "virtuellen Welt" Menschen kennen. Aber wie unvollständig mein Leben ohne jene Welt wäre, zeigen mir einige meiner wichtigsten Bezugspersonen, die ich ohne das Internet niemals kennengelernt hätte.

Nicht alle online entstandenen Bekanntschaften überstehen den Schritt in die "reale" Welt; auch davon spricht das oben genannte Buch. Meiner eigenen Erfahrung nach tun es viele aber doch und ich habe schon einige "Fremde aus dem Internet" persönlich kennengelernt, die mir ja eigentlich schon längst nicht mehr fremd waren. Das Internet bietet eine ganz andere Art, sich kennenzulernen, die vor allem jenen entgegenkommt, die sich schwer damit tun, Kontakte von Angesicht zu Angesicht zu knüpfen. Vor allem die Begegnungen durch das Bloggen finde ich interessant. Die Welt, in der ich mich mit meinem ersten Blog bewegte, bestand aus Menschen, die sehr offen mit sich und ihren Lebensgeschichten umgingen – dafür blieben die Autor*innen allerdings anonym. Trotzdem lernte ich sie durch ihre Texte besser kennen, als manche Person aus ihrem realen Umfeld. Viele nutzen das Internet und seine Anonymität, um ihren intimsten Gedanken und belastenden Geheimnissen einen Raum zu geben. Und sie finden dort nicht nur Raum, sondern auch Gehör. Sie führen öffentlich (und zugleich heimlich) Tagebuch. So habe ich das anfangs auch gemacht, um mit meinem schwierigen Elternhaus, das mich vielfach von anderen isolierte, fertig zu werden. Es ist ein großes Privileg, den Tagebucheintrag eines anderen Menschen lesen zu dürfen, vor allem, wenn man sich nie zuvor gesehen hat. Eine noch größere Ehre ist es, wenn dieser Mensch Dir erst seine E-Mail-Adresse, dann die Telefonnummer und schließlich sein Gesicht anvertraut. Menschen, die mich noch nie getroffen hatten, setzten sich in den Zug, um mich zu besuchen, und ich tat es umgekehrt genauso. Es ist immer wieder etwas Besonderes, einen Menschen auf diese Weise kennenzulernen.

Lucia Clara, Porträt, lächelnd
Mich macht das Internet frei | Foto: hml-art

Internet & Glück

Im Internet gibt es Hass, Streit und Lügen. Ja, das ist richtig. Das Internet bringt Unglück? Nein. Nicht nur. Und auch nicht hauptsächlich. Das Internet ist keine virtuelle Welt, es ist ein Teil der realen Welt in einem virtuellen Raum. Deshalb finden wir in ihm ebensolche Strukturen vor, wie in realen Räumen; es spiegelt die Vielfalt der Menschen und der Gesellschaften wider. Das Internet ist ein Tor zu mehr Informationen, als ein Mensch verarbeiten kann. Es ist Verknüpfungspunkt zwischen Menschen aus aller Welt. Es kann ebenso Freundschaften wie Feindschaften entstehen lassen. Das Internet kann abhängig machen. Mich hat es frei gemacht. Es bot mir die Möglichkeit, an Informationen zu gelangen und Kontakte zu knüpfen. Ohne das Internet hätte ich sicher einen anderen Weg gefunden, mit meinem Leben umzugehen. Aber es ist nun einmal da, und das einzige, was wir tun können, ist, sinnvoll damit umzugehen.

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Liebe Leser*innen, ich wünsche mir, dass nun jede*r von euch eine positive Erfahrung in die Kommentare schreibt, die er*sie im Internet gemacht hat!
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P.S.: Ich kann nur jedem empfehlen, einmal einen Menschen aus dem Internet persönlich zu treffen. Eine solche Begegnung kann Dein Herz sogar ziemlich doll bewegen. Dann flattert es herum und will sich gar nicht mehr einfangen lassen – und dann stell Dir mal vor, Du hättest diese Person niemals kennengelernt!

💖💖💖

Sonntag, 9. Juli 2017

Gedichte im Sommer

Es ist (nun endlich wirklich) Sommer – und das heißt, es ist wieder Zeit für Gedichte! Zu jeder Jahreszeit stelle ich meine kleinen Werke aus den jeweiligen Saisons vor. Nach dem letzten Beitrag vielleicht eine willkommene Abwechslung in Versform. 😉 In den vergangenen Monaten flogen mir leider kaum neue Reimereien zu. Aber ich kann glücklicherweise auf einen großen Fundus zurückgreifen. Wie schon im Frühling habe ich auch wieder ein Exemplar aus Kindertagen dabei (das letzte). Im Folgenden also drei Gedichte, die ich im Sommer geschrieben habe.

Ich stehe in einem Treppenhaus, schaue aus dem Fenster, schräg hinter mir eine Pflanze mit grünen Blättern.
Immer am Hinterfragen | Foto: Katrin Eissing

Leben im Überfluss


Die Zeit kriecht und siecht
Und der Wind weht beflügelnd in meine Hände,
Was all die Werbewände
Mir in bunten Farben versprachen,
Bevor sie jedes einzelne dieser Versprechen brachen.

Endlich kannst Du Dich frei entfalten
Mit dieser Anti-Falten-Creme!
Dein ganzes Leben wird er zusammenhalten,
Der neue Super-Kleber, Du wirst schon seh'n!

Du hast Probleme?!
Lass Dir bunte Pillen verschreiben! 
Damit sie Dir die Sinne vertreiben
Und die Leere Dich anblickt,
Während ihre kalte Hand Dich mühelos erstickt.

Ich steh' mit einem Bein fest im Leben
Und mit dem anderen in meinem Glitzer-Wolken-Traum.
Er bringt die Werbewände zum Beben,
Bringt meine Sinne zum Schweben,
Und ich verlasse den Stachel-Draht-Raum – 
Ganz ohne Drogen, 
Man glaubt es kaum! –
Überspanne ich den Bogen.
Spitze Splitter kommen geflogen
Mitten ins Herz!
Spürst Du den Schmerz?
Das ist die Wehmut,
Des Feuers letzte Glut.

Das Wissensfieber nagt,
Wenn die Welt Dich plagt,
Die Welt und ihr Weinen
Und vom Leben das Scheinen.
Die Scheine, die fehlen,
Die Wahl, auszuwählen,
Die Qual, Deine Schuhe zu zählen,
Der überfließende Überfluss
Und sein giftig-süßer Kuss,
Der Dich in den Wahnsinn treibt,
Während mir nur der Wind bleibt,
Den Du hier hinterlässt,
Während sich Deine Nase schon an das nächste Schaufenster presst.

(29. Juli 2015)



Traumklangraum


Träume. Klänge.
Räume. Länge.
Zäune. Enge.

Im Klang Deiner Träume verlierst Du Dich.
In der Länge der Räume verirrst Du Dich.
Im Zwang ihrer Zäune begraben sie Dich.
In der Enge der Leere vergessen sie Dich.

Träume.
Nicht ohne den Klängen des Lebens zu lauschen.

Nutze die Räume.
In ihrer vollen Länge.

Stämme Dich gegen die Zäune.
Und befreie Dich aus ihrer Enge.

Vergiss
Die Anderen.
Aber vergiss Dich nicht selbst.

Träume von einem klangvollen Leben voller Langzeiträume.
Und vergiss ihre Eng-Stirn-Zäune.
Halte nichts von ihren Grabesreden.
Denn bis zum Ende ziehst Du die Fäden. 

(5. Juli 2015)


Lunas und des Himmels Liebe


Lässt die Sonn' das Scheinen sein
Und bricht die Dämmerung herein,
Ist nur ein Lächeln von Luna von Nöten,
Um den blauen Himmel zu erröten.
Das ist dem Himmel peinlich nun:
Er legt sich einen dunklen Mantel um.
Der Mond erleuchtet diese Finsternis,
Die Sternlein helfen ihm gewiss.
So sind die beiden nun vereint,
Der Morgen wird zum großen Feind.

(20. August 2009)

Ich mit meinen Haaren vor dem Gesicht, vor allem die Augen sind verdeckt.
Sie denken, Du siehst nichts, dabei hast Du die schönste Traumwelt vor Augen | Foto: hml-art

Ich hoffe, Dir hat gefallen, was du gelesen hast. 
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💖

Sonntag, 2. Juli 2017

Hallo, 21. Jahrhundert! – #EhefürAlle

Wow. Meine Facebook-Timeline explodiert. Twitter auch. Und Instagram. Überall Regenbögen! Ich habe den Hashtag vor der Arbeit schon rausgesucht, um mich in der Mittagspause dann zu versichern, dass es auch wirklich geklappt hat. Ich lächele ein bisschen, während ich mich im Nieselregen auf die Suche nach etwas Essbarem mache. Es ist schön und gut und wichtig, dass ich nun, sollte ich das wirklich irgendwann mal wollen, einfach heiraten könnte. (Das mit dem Kinder kriegen bedarf offenbar noch der Klärung).

Zettel an der Wand mit Aufschriften: Hast Du (k)einen Freund?, Gewalt (2009, 2010, 2013, 2014, 2016), Also hat sich das wieder eingerenkt?, So siehst Du aber gar nicht aus!!!, Bist Du (Dir) sicher?, Du kannst aber schon beides, oder?, WAS bist Du eigentlich?
Wir leben im 21. Jahrhundert. (Verdeckte Schilder: "Bist Du (Dir) sicher?", "Das glaube ich Dir nicht!", "Geil! 50 €, wenn ich zugucken darf! Du willst es doch auch!", "Du kannst aber schon Beides, oder?")

Wir haben das 21. Jahrhundert – ja, und?


Vielleicht spürst Du schon ein Aber. Dieses Aber bezieht sich aber eigentlich nicht auf die #EhefürAlle. Da gibt es kein Aber. Nur ein Na endlich. Das Aber ist die Antwort auf all die zu erwartenden Sätze: Jetzt ist doch alles gut. Jetzt habt ihr alles, was ihr wollt. Jetzt ist die vollständige Gleichstellung erreicht. Jetzt brauchen wir uns nicht mehr mit euch zu beschäftigen. Jetzt, ja, jetzt leben wir wirklich im 21. Jahrhundert!

Ich hasse diesen Satz. Fast so sehr wie "Früher war alles besser". "Wir leben im 21. Jahrhundert, wir haben 2017!", das ist eine genauso leere Phrase. Was soll das überhaupt? Wie schaffen es Menschen mit dieser Einstellung, nicht überfahren zu werden, wenn sie niemals nach rechts und links schauen, bevor sie eine Straße überqueren? Denn das ist die einzige Möglichkeit, 2017 alles hervorragend zu finden: Nicht hinschauen. "Diskriminierung? Sowas gibt es doch gar nicht mehr.", folgt meist darauf. "Zumindest nicht in Deutschland. Nicht heute. Nicht gegenüber jemandem, wie ... Dir." HALLO?! Es gibt mich nicht. Da kann ich mit den Armen wedeln, so viel ich will. Meine Erfahrungen existieren nicht in den Köpfen meiner feierwütigen Facebook-Freund*innen. Fangen wir gar nicht erst an von den Menschen, die es demnach noch viel weniger gibt als mich.

Hilfe, der Regenbogen stürzt ein!


Nicht nur diejenigen posten Regenbögen, die mich vor Jahren diskriminierten, als wir noch Kinder waren, und die heute möglicherweise anders darüber denken (dazu gleich mehr). Auch solche, die das vor wenigen Monaten taten – vielleicht ganz unbewusst, aber ich war viel zu selten mutig genug, darauf hinzuweisen. Diesen Menschen würde ich den Regenbogen gerne wegnehmen. Aber das wäre kindlicher Trotz und deshalb schreibe ich das hier. Weil offensichtlich nicht alles so klar und bunt und fröhlich ist, wie der Regenbogen vortäuscht, der schon allein durch den Einhorn-Trend recht gedankenlos verwendet wird. Zu lesen ist von den Unklarheiten zum Beispiel im Kommentarbereich zum letzten Blogpost von Menna zu diesem Thema. Da steht unter anderem: "Ich finde es sehr mutig von dir, über dieses Tabuthema zu schreiben". Buuuuh! Also doch nicht alles so selbstverständlich oder wie? Hilfe, der Regenbogen stürzt ein!

Schon, dass die Erlaubnis einer einzelnen Person nötig ist, um eine Abstimmung, und damit die Durchsetzung der Mehrheit, überhaupt möglich zu machen, lässt die Feierlust dem Gefühl von Fremdbestimmung weichen. Wie lange wir wohl noch gewartet hätten, würde es nicht ab und zu Wahlkampf geben? Ja, schon klar, aber ist doch jetzt egal, sagen die einen. Bist Du denn noch nicht zufrieden? Wie wäre es mal mit ein bisschen Dankbarkeit?, die nächsten. Und: Als nächstes ist die Gleichstellung unverheirateter Paare dran!, sagen die dritten. Welcher Gruppe ich mich wohl anschließe? ;-)

Und es gibt noch mehr zu tun...


In meiner Bachelorarbeit über Diversity Marketing und den Einbezug der LGBT-Zielgruppe in die Werbung (die leider keinen Anspruch auf Perfektion erfüllen kann) habe ich die These aufgestellt, dass die mangelnde Anwendung dieser Marketing-Strategie damit zusammenhängt, dass gesellschaftliche Vielfalt weniger akzeptiert ist, als gemeinhin angenommen. Dabei blieb natürlich der Verweis auf die noch nicht bestehende vollständige Gleichstellung nicht aus. Ist das jetzt anders? Ein Gesetz bewirkt zumindest keine sofortige Veränderung der Gesellschaft.

2008, als ich 13 Jahre alt war und verliebt in ein Mädchen aus meiner Klasse, hatte ich keine Ahnung, dass das überhaupt geht, und dachte mir, ich sei verrückt geworden. Heute steht das Thema zumindest in den meisten Bundesländern auf dem Lehrplan (außer Bayern und Baden-Württemberg), wenngleich die Umsetzung vielerorts kritikwürdig ist – hiermit kenne ich mich allerdings nicht im Detail aus. In der Schule jedenfalls hatte ich es, ebenso wie im familiären Umfeld, nicht leicht, weder mit mir selbst, noch mit meinen Mitschüler*innen. Aber auch, wenn es in Erinnerung an viele fiese Situationen schwer fällt, das einzugestehen: Wie hätten sie es besser wissen sollen, wenn sie, genauso wie ich, nie darüber informiert worden sind, dass es noch mehr als Heterosexualität und Cis-Geschlechtlichkeit gibt?!

Viele Dinge über Sexualität und Geschlechtsidentität weiß ich sogar erst seit ganz wenigen Jahren. Wer sich die Kommentare zum oben erwähnten Beitrag ansieht, wird feststellen, dass ich da nicht die einzige Spätzünderin bin. Niemand braucht sich darüber zu wundern, dass keine akzeptierenden Erwachsenen aus Kindern enstehen können, die nicht zu ebendieser Akzeptanz erzogen werden – mit entsprechender Information zum Beispiel.

Ich hocke in einem Schrank und mache Anstalten, aufzustehen und aus dem Schrank herauszusteigen.
Es gibt viele Schränke, in die noch niemand reingeschaut hat.

Gleichberechtigung geht nicht nur bis zur Grenze


Mit meinen Erfahrungsberichten treffe ich in der Regel entweder auf Menschen, die selbst keine solchen Erfahrungen kennen, weil sie nicht betroffen sind, oder die sich nur noch in der queeren Community bewegen und deshalb keine solchen Erfahrungen machen. Das mag an meinem Umfeld liegen, schließlich bin ich keine wandelnde Statistik. Aber ich fühle mich ein bisschen verloren zwischen diesen Welten, vermutend und hoffend, dabei ebenfalls nicht die einzige zu sein. Und deshalb ist dieser Text so lang, weil dieses Thema so viele verschiedene Ebenen hat: Diese hier betrifft die klare Abgrenzung zwischen den einzelnen Personengruppen – wohl auch ein Argument für das Diversity-Marketing-Problem, auf das ich beim Schreiben meiner Bachelorabeit noch gar nicht gekommen war.

Dass wir die Ehe für Alle haben, ist toll. Das darf auch gefeiert werden. Aber nur, wenn sich danach nicht alle zurücklehnen, die Arme verschränken und selbstgefällig "Jetzt ist alles gut" vor sich hin murmeln. In Österreich ist zum Beispiel gerade erst gegen die Ehe für Alle gestimmt worden. Und anderswo werden Menschen noch immer bestraft oder sogar umgebracht, weil sie nicht hetero oder cis-geschlechtlich sind. Es reicht nicht, innerhalb dieser Grenzen gleiche Rechte zu schaffen. Gleichberechtigung ist erst erreicht, wenn sie auch wirklich für ALLE gilt.

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