Samstag, 15. April 2017

Menschen-Vielfalt im Supermarkt

Der Supermarkt ist voll. Wie üblich am Tag vor einem Feiertag. Ich muss einmal quer durch den Laden laufen, um das Ende der Schlange an der Kasse zu erreichen. Menschen füllen die Gänge und schieben einander an den Regalen vorbei. Ab und zu bekommt man die Räder eines Einkaufswagens in die Hacken. Es ist Donnerstag Nachmittag. Auf der Arbeit durften wir eine Stunde früher Schluss machen. Ich will nach Hause und die tollen veganen Sachen essen, die ich festhalte, als könnte sie mir jemand wegnehmen. An einer Kreuzung zwischen Schlange und Gang drängeln sich zwei Mädchen vor. Sie sprechen kein Deutsch, fallen aber äußerlich nicht weiter auf. Ich atme einmal geräuschvoll aus, sage aber nichts. Das Ende der Schlange liegt inzwischen in weiter Ferne - warum sollte ich jemandem den kurzen Einkauf von Süßigkeiten vermiesen?

In der linken Nebenschlange brüllt ein grauhaariger Herr eine Gruppe junger Männer an: "In Deutschland stellt man sich hinten an!"
"Ja, ich weiß, in unserm Land ist das auch so!", antwortet einer der Jungs genervt.
Die Frau vor ihnen dreht sich um und starrt die Gruppe einfach nur missbilligend an, während sie den Kopf schüttelt.
"Ja, was ist?", fragt der junge Mann von eben sie.
"Darf ich nicht gucken? Ist das nicht erlaubt bei euch?"
Er rollt mit den Augen - offenbar nicht zum ersten Mal in so einer Situation.
"Ihr steht hier falsch!" fügt die Dame spitz hinzu.
"Ja, ich weiß, aber wo sollen wir denn hin?", fragt der Junge fast verzweifelt. "Wie sollen wir denn da durch kommen?" Er deutet auf den Einkaufswagen. Mit dem sperrigen Ding ist es tatsächlich unmöglich, sich durch die Menschenmassen bis zum Ende der Schlange zu drängen.
"Wir warten hier doch nur, bis alle vorbei sind!"

Die Frau starrt weiter und schüttelt ihren Kopf. Der graue Mann von eben stimmt mit ein. Die Leute gucken zu. Niemand möchte seinen Platz in der Schlange aufs Spiel setzen. Die Diskussion scheint beendet. Alle sind froh, dass sie nicht eingreifen mussten. Ich werde in den Kassenbereich geschubst. Ware aufs Band - Band rollt davon - Kassierer drückt mir das Rückgeld in die Hand.

Draußen scheint die Sonne. Menschen sind unterwegs. Berliner*innen und Zugezogene und Tourist*innen. Inländer mit und ohne Migrationshintergrund. Ausländer, die hier leben, und solche, die nur zu Besuch sind. Menschen mit und ohne Kopftuch. Menschen mit grün gefärbtem Bart und Menschen ohne Haare. Menschen mit und ohne Behinderung. Menschen mit Talenten und Menschen, die sich für was Besseres halten. Arme, reiche, junge, alte, dicke, dünne, dumme und kluge Menschen. Menschen und Tiere und Aliens wie ich. Sie alle sind heute unterwegs in der Sonne und bereiten sich auf die Feiertage vor, die für manche Ostern sind und für andere bloß freie Tage.

Lucia Clara mit pinken Haaren und blauen Lippen
Glaubt man kaum: Kein Alien, nur Mensch.


"Ein frohes Osterfest" haben mir in den letzten Tagen zahllose Kassierer*innen und Kolleg*innen und Instagramer*innen gewünscht. Ich bin katholisch getauft, also passt das schon irgendwie. Und "Fährst Du in die Heimat?", haben sie gefragt.
"Ich wohne in Berlin. Und ich bleibe zu Hause.", habe ich geantwortet.
"Achso, also kommst Du ursprünglich aus Berlin?"
"Nein."
"Ok... aber Du besuchst nicht Deine Familie?! Oder lohnt sich das die paar Tage nicht für dich?"

Menschen mit und ohne Familie. Menschen, die ihren Verwandten noch in die Augen schauen können, und Menschen mit Pegida-Onkeln. Menschen, die Medizin studieren und Menschen, die ihren eigenen Weg gehen. Menschen, die von ihren Eltern akzeptiert werden, und solche, die man rauswirft. Menschen mit schönen und hässlichen Geschichten.

Tempelhofer Feld bei Regenwetter
Alle wehen mit dem Wind.
Es heißt: Alle Menschen sind gleich. Aber das ist vielleicht zu einfach formuliert. Denn eigentlich bedeutet es: Menschen sind unterschiedlich und vielfältig - und vor diesem Hintergrund sollten sie alle gleich gut behandelt werden.

💖

Kommentare:

  1. Das habe ich auch schon oft mitbekommen - echt traurig, aber so ist das eben mit dem Schubladendenken. Vor allem, wenn jemand Angst hat, selbst zu kurz zu kommen. Und sei es nur in Form von 30 Sekunden Wartezeit...

    Also gehen wir doch einfach mit erweitertem Horizont durchs Leben und denken daran, dass wir eben alle verschieden sind und das auch gut so ist :)

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    1. Danke für Deinen Kommentar. Da hast Du recht. Aber es wäre doch schön, noch ein paar mehr Horizonte zu erweitern - oder ein paar Menschen daran zu erinnern, dass die Welt noch weiter geht, als man sehen kann.

      Alles Liebe,
      Lucia

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  2. Wunderbarer Beitrag zu einem sehr wichtigen Thema [: Werde in Zukunft öfters bei Dir vorbeigucken - Du hast einen sehr tollen Stil [sowohl vom Schreiben als auch vom Outfit her! :D]

    In diesem Sinne:
    Stay awesome ♡ • kisudoesstuff

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  3. Liebe Clara,
    Danke für deinen Text! Hat mich *** berührt.
    Liebe Grüsse Katrin

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