Sonntag, 6. August 2017

Wie das Internet mich frei machte

Neulich las ich das schon zehn Jahre alte Buch "Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle" von Miriam Meckel (erschienen: 2007 im Murmann Verlag). Damals waren Smartphones etwas ganz Neues, WhatsApp gab es noch nicht und an die Influencer auf Instagram war noch nicht zu denken. Es war spannend, von dieser Zeit zu lesen, in der es neu war, E-Mails auf dem BlackBerry zu empfangen, die Leute noch SMS schrieben und man zum Teil finstere Zukunftsprognosen für die heutige Gegenwart stellte. In dem Buch geht es um die Anforderungen, die die neuen, sich rasant entwickelnden Kommunikationsmöglichkeiten an die Menschen und die Gesellschaft stellen, und wie sie damit umgehen. Vieles davon ist noch heute aktuell. Ist ja auch noch gar nicht lange her, aber wer die Technologien von "damals" und heute vergleicht, dem kommt das wie eine Ewigkeit vor.

altes Handy, Sony-Erricson-Mobiltelefon von 2008
Mein erstes Handy: seit neun Jahren unkaputtbar


Internet gestern

Als das Buch erschien, war ich 13 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, dass ich 2008 zum ersten Mal das Internet benutzen durfte – im Kinderzimmer meiner Schwester stand ein Windows 95. Meine erste Station im WWW war SchülerVZ. Wir hatten die Erlaubnis erhalten, uns dort anzumelden und mit unseren Freund*innen zu vernetzen. Von der riesigen Welt hinter dem Bildschirm, die unser Leben heute nachhaltig beeinflusst, ahnte ich damals noch nichts. Mit 15 knackte ich die Passwörter meines Vaters auf meinem Laptop, den mir meine Eltern geschenkt hatten, als sie mich aufs Internat schickten. Er hatte damit festgelegt, welche Internetseiten ich besuchen durfte, und außerdem eingestellt, dass sich der Laptop um 21 Uhr automatisch abschaltete. Als nächstes fand ich heraus, wie ich mir eine eigene E-Mail-Adresse erstellen konnte. Die Mails an meine Adresse des "Familien-Servers" kamen nämlich auch auf dem Rechner meines Vaters an und er konnte alles mitlesen.

Nun war ich frei, mitten im Käfig meiner Minderjährigkeit, in dem ich die Schulwochen herbeisehnte und die Wochenenden fürchtete. Nächtelang suchtete ich auf YouTube die Story des GZSZ-Paares "Paula & Franzi" – die erste Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, die mir in meinem Leben begegnet ist. Ich meldete mich bei einem Forum an, in dem ich darüber schreiben konnte, wie sich die Lage zuspitzte, als die Schule meine Eltern darüber informierte, dass ich in Liebesdingen möglicherweise anders orientiert sein könnte... Lange hielt ich es dort aber nicht aus, denn ich fühlte mich dabei immer, als würde ich etwas Schreckliches, Verbotenes tun, und konnte mich darüber schwer verbal ausdrücken. Dennoch war das Internet von nun an immer an meiner Seite, wenn ich mich ans Hinterfragen der einseitigen, engstirnigen Ansichten meiner Familie machte. Es war eine unerschöpfliche Informationsquelle, die mich neben Büchern lehrte, immer mehr wissen zu wollen und Aussagen zu prüfen, bevor ich sie einfach glaubte.

Internet heute

Das Internet hatte immer schon Kritiker*innen. Heute lesen wir besonders häufig von "Hass im Netz", über das Internet verbreitete "Fake News"oder das "Postfaktische Zeitalter", ein Begriff, der mit dem Medium Internet eng verwoben scheint. Darüber können und müssen wir auch sprechen, uns mit den dahinterstehenden Themen beschäftigen und Lösungen finden. Das Internet als Ganzes sollten wir aber nicht verteufeln. So wie Pauschalisierungen generell unangebracht sind. Für mich persönlich hat das Internet heute wie als Teenagerin eine große Bedeutung. Zum einen ist es natürlich mein Beruf als Online-Redakteurin. Das Internet bietet mir die Möglichkeit, mein Schreiben vom Notizbuch in die Welt zu tragen. Aber es ist noch viel mehr: Das Internet hat mir die Menschen gebracht. Es ist schließlich ein Kommunikationsmedium. Durch Foren, Social Media und natürlich das Bloggen, das ich seit 2013 betreibe, sind viele schöne Verbindungen entstanden, die ich nicht missen möchte. Natürlich lerne ich auch außerhalb der "virtuellen Welt" Menschen kennen. Aber wie unvollständig mein Leben ohne jene Welt wäre, zeigen mir einige meiner wichtigsten Bezugspersonen, die ich ohne das Internet niemals kennengelernt hätte.

Nicht alle online entstandenen Bekanntschaften überstehen den Schritt in die "reale" Welt; auch davon spricht das oben genannte Buch. Meiner eigenen Erfahrung nach tun es viele aber doch und ich habe schon einige "Fremde aus dem Internet" persönlich kennengelernt, die mir ja eigentlich schon längst nicht mehr fremd waren. Das Internet bietet eine ganz andere Art, sich kennenzulernen, die vor allem jenen entgegenkommt, die sich schwer damit tun, Kontakte von Angesicht zu Angesicht zu knüpfen. Vor allem die Begegnungen durch das Bloggen finde ich interessant. Die Welt, in der ich mich mit meinem ersten Blog bewegte, bestand aus Menschen, die sehr offen mit sich und ihren Lebensgeschichten umgingen – dafür blieben die Autor*innen allerdings anonym. Trotzdem lernte ich sie durch ihre Texte besser kennen, als manche Person aus ihrem realen Umfeld. Viele nutzen das Internet und seine Anonymität, um ihren intimsten Gedanken und belastenden Geheimnissen einen Raum zu geben. Und sie finden dort nicht nur Raum, sondern auch Gehör. Sie führen öffentlich (und zugleich heimlich) Tagebuch. So habe ich das anfangs auch gemacht, um mit meinem schwierigen Elternhaus, das mich vielfach von anderen isolierte, fertig zu werden. Es ist ein großes Privileg, den Tagebucheintrag eines anderen Menschen lesen zu dürfen, vor allem, wenn man sich nie zuvor gesehen hat. Eine noch größere Ehre ist es, wenn dieser Mensch Dir erst seine E-Mail-Adresse, dann die Telefonnummer und schließlich sein Gesicht anvertraut. Menschen, die mich noch nie getroffen hatten, setzten sich in den Zug, um mich zu besuchen, und ich tat es umgekehrt genauso. Es ist immer wieder etwas Besonderes, einen Menschen auf diese Weise kennenzulernen.

Lucia Clara, Porträt, lächelnd
Mich macht das Internet frei | Foto: hml-art

Internet & Glück

Im Internet gibt es Hass, Streit und Lügen. Ja, das ist richtig. Das Internet bringt Unglück? Nein. Nicht nur. Und auch nicht hauptsächlich. Das Internet ist keine virtuelle Welt, es ist ein Teil der realen Welt in einem virtuellen Raum. Deshalb finden wir in ihm ebensolche Strukturen vor, wie in realen Räumen; es spiegelt die Vielfalt der Menschen und der Gesellschaften wider. Das Internet ist ein Tor zu mehr Informationen, als ein Mensch verarbeiten kann. Es ist Verknüpfungspunkt zwischen Menschen aus aller Welt. Es kann ebenso Freundschaften wie Feindschaften entstehen lassen. Das Internet kann abhängig machen. Mich hat es frei gemacht. Es bot mir die Möglichkeit, an Informationen zu gelangen und Kontakte zu knüpfen. Ohne das Internet hätte ich sicher einen anderen Weg gefunden, mit meinem Leben umzugehen. Aber es ist nun einmal da, und das einzige, was wir tun können, ist, sinnvoll damit umzugehen.

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Liebe Leser*innen, ich wünsche mir, dass nun jede*r von euch eine positive Erfahrung in die Kommentare schreibt, die er*sie im Internet gemacht hat!
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P.S.: Ich kann nur jedem empfehlen, einmal einen Menschen aus dem Internet persönlich zu treffen. Eine solche Begegnung kann Dein Herz sogar ziemlich doll bewegen. Dann flattert es herum und will sich gar nicht mehr einfangen lassen – und dann stell Dir mal vor, Du hättest diese Person niemals kennengelernt!

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Kommentare:

  1. Das Internet.
    Das Internet hat mir ein Zuhause gegeben, als es gerade kein physisches gab. Und in mir gab es auch kein Zuhause, also lagerte ich es aus, ins Internet, für einige Zeit.
    Erst in ein falsches Zuhause, aus falschen Foren, falschen Blogs, Blogs, die süchtig machen- abhängig.
    Aber das veränderte sich mit der Zeit von allein- mit der gleichen Zeit, mit der ich mich weiter entwickelte.
    Ich lernte andere Blogs kennen - andere Leute. Leute, die ich mit Freunden verwechselte- denn damals lernte man sich nicht einfach kennen.

    Heute hat sich das geändert. gute 7 Jahre später schreibe ich selber, und lerne kennen. Auch im realen Leben. Zwei Menschen schon. Einen hatte ich damals über SVZ kennengelernt. Eine Freundschaft, die einige Jahre hielt, bis sie sich jetzt langsam im Sande verläuft, aber sehr sanft und angenehm.
    Und ein Mensch, den ich erst kürzlich kennen lernen durfte, hat mir ein ganz besonderes Erlebnis beschert. Nach anfänglicher Unsicherheit (GROßER Unsicherheit) wurde der Mensch der vor mir steht, und der Mensch, von dem ich seit 3 Jahren lese, eins.
    Es gab nicht mehr die Bloggerin und dann die Frau, mit der ich telefonierte. Es ist jetzt ein und der selbe Mensch. Und das hatte ich so bei dem Mädchen vor vielen Jahren nicht wahr genommen.
    Wahrscheinlich war ich einfach noch zu jung.

    Ich glaube, das Internet kann gefährlich sein, wenn man zu unerfahren, unvorsichtig und irgendwie zu haltlos ist.
    Aber für die, die einen selbstsicheren Umgang damit haben, für die ist es einfach nur genial.
    Und ach ja. Mein Zuhause ist das Internet schon lange nicht mehr.
    Meine Realität gefällt mir auch so gut genug :)
    Aber gerne halte ich mich schon auf, zwischen den Worten, die ohne das Internet niemanden erreichen könnten.

    Liebe Grüße

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    1. Danke Dir, dass Du Deine Gedanken mit uns geteilt hast! Ich weiß ja, wer Du bist, hihihi ;) ♥

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  2. Hi dear,
    i'm a new follower of your nice blog, can you follow mine on my blog?
    https://amoriemeraviglie.blogspot.it/
    :)

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  3. Hallöle :3

    Also das ist ja mal ein sehr gelungener Beitrag - interessant, wie sich da unsere Erfahrungen überschneiden. Zwar suchtete ich GZSZ nie so sehr, allerdings hatte ich andere Pairings, welche ich obszessiv "shippe/ shippte" :'D Darum verstehe ich diese Welt, welche sich Dir offenbarte, sehr gut :D

    Um auf Deine Frage einzugehen: Ich bin genauso froh wie Du, viele liebe Menschen über das Internet kennen- und lieben gelernt zu haben. Klar könnte das auch immer in die Hose gehen, aber wenn man ein gutes Bauchgefühl hat, kann man dem schon ein bisschen entgegen wirken (: Mein Freundeskreis ist zu 99% aus dem Internet, allerdings muss ich dazu sagen, dass ich mittlerweile so ziemlich alle persönlich kenne. & das ist ein verdammt gutes Gefühl!

    In diesem Sinne: 
    Stay awesome ♡ | kisudoesstuff

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