Samstag, 7. Oktober 2017

Von Pendlerstress und Stürmen

Angefangene Blogposts sammeln sich in meiner Entwurfsliste. Warum sie nicht fertig werden? Tja. Manchmal schreibe ich im Zug ein paar Zeilen. Dann stelle ich fest, dass das Thema zu komplex ist, um damit so bald wie möglich fertig zu werden. Oder mir gefällt der Entwurf gar nicht mehr, an dem ich gerade arbeite, weil das Thema zwar leichtgängig ist, aber mich selbst nicht richtig überzeugt. Gute Blogposts brauchen Zeit. Und Zeit, die fehlt mir momentan. Ihr wisst ja, ich habe meinen Job gekündigt, fange gerade an, meinen Master in Brandenburg zu studieren, und arbeite währenddessen noch in Berlin.

Hohes Gras vor bewölktem Himmel
Ein Sturm kommt auf...

Mit dem Sturm raus aus der Komfortzone

Da ist mein Pendlerleben gerade mal zwei Wochen alt und es kommt dieser schlimme Sturm auf, der mich mehr als 24 Stunden in der kleinen Stadt Brandenburg festsitzen lässt. Ich fahre am Donnerstag Abend kurz mit der Straßenbahn zum Bahnhof, um nachzusehen, ob vielleicht doch noch ein Zug nach Berlin, nach Hause fährt. Ich spreche ein fremdes Paar an, was ich sonst nie tun würde, und erfahre, dass der anwesende Zug dort schon seit nachmittags um vier herumsteht. Seltsam, wie sich die sozialen Interaktionen in einer Krisensituation verändern. Ich rufe also meine Kommilitonin an, die mir extra für diesen Fall ihre Nummer gegeben hat, und frage, ob ich bei ihr in der WG übernachten kann. Es bleibt keine Zeit zu zögern; schließlich habe ich gerade keine andere Möglichkeit, als dieses freundliche Angebot anzunehmen. Gerne, sagt sie und fragt mich, was ich essen will.

Ich verbringe den Donnerstagabend also mit zwei Frauen, die ich erst seit einer Woche kenne, während andere Menschen in Zügen übernachten oder von Bäumen erschlagen werden. Wir kochen und essen, unterhalten uns über das bevorstehende Studium und unsere bisherigen Leben. Beim ersten Kennenlernen gewann ich noch den Eindruck, die beiden müssten zu denen gehören, die in der Schule der Kategorie der "Coolen" zugeordnet worden wären ‒ also weit, weit über mir stehen. Aber wir sind nicht mehr in der Schule. Ich berichtige das "Wo wohnt dein Freund?" in "Freundin" und niemand wundert sich. Eine seltene Überraschung, mein bisheriges Leben betrachtend. Eine Tasse wird zum Kontaktlinsenbehälter umfunktioniert, ich bekomme nach Waschmittel duftende Klamotten und muss ohne Zähneputzen ins Bett.

Der Tag nach dem Sturm

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, um bei der Arbeit anzurufen. Bis zum Mittag soll die Bahnstrecke noch gesperrt sein. Statt (viel) später mit der Arbeit anzufangen, entschließe ich mich dazu, einen Urlaubstag zu vergeuden, denn ich brauche das Geld. Gut so: Je weiter der Tag fortschreitet, desto weiter rückt auch der Zeitpunkt in die Ferne, an dem die Züge voraussichtlich wieder fahren sollen. Den Großteil des Tages verbringe ich damit, nach einer Möglichkeit zu suchen, die mich nach Hause bringen kann. Irgendwann wird es mir zu langweilig, mit anderen Gestrandeten in der Bibliothek zu hocken. Draußen scheint jetzt wieder die Sonne. Absperrband flattert rund um die lädierten Bäume auf dem Campus. Ich spaziere durch die Stadt, kaufe mir im Supermarkt etwas zu essen und stelle fest, dass es verschimmelt ist. Es fängt an, große, platschende Tropfen zu regnen. Der Zug von gestern steht immer noch am Bahnhof, doch Rettung naht. Wahrscheinlich säße ich heute immer noch in Brandenburg, wäre nicht jemand extra mit dem Auto von Berlin gekommen, um mich abzuholen.

Ich war gar nicht so weit entfernt von zu Hause wie viele andere ‒ und doch kam ich nicht vom Fleck. Ich war ohne Zahnbürste und ohne WLAN gestrandet; naja, es gibt Schlimmeres. Aber es zeigt, wie wichtig und bereichernd Mobilität und (Online)-Kommunikation sind. Ohne letztere hätte mir gestern womöglich auch noch der Schlafplatz gefehlt. Obwohl der Freitag für mich ein eher leerer Tag gewesen ist, war die Erfahrung lehrreich. Genauso wie kein Geld zu haben mir beigebracht hat, mit Geld umzugehen!

Während die Züge still stehen und Menschen einander helfen, geht es auf Twitter rund. Das Nachwehen, sozusagen. Sieben Tote, denke ich, das hört man so oft, dass es gar nicht wirklich ankommt. Aber das Twitter-Profil einer plötzlich toten Person, die vor zwei Tagen noch gezwitschert hat, anzusehen, ist schon unheimlich. Mitten im Leben einfach so vom Tod aus dem Alltag gerissen zu werden, gruselige Vorstellung. Mein Verhältnis zum Sterben scheint nicht das gesündeste zu sein, aber bei wem ist das schon anders? Ich sollte einen Blogpost über den Tod schreiben...

Regebogen über einer regennassen Straße nach Gewitter
Nach dem Sturm gibt's immerhin einen Regenbogen.

Ich stürme ins Pendlerleben

So startet also mein neuer Lebensabschnitt ‒ stürmisch. Und jetzt bin ich froh, mein Wochenende zu Hause ohne Blogpost-Ideendruck verbringen zu können. Denn wenn ich mal was erlebe, schreibt sich der passende Artikel wie von selbst. Wenn hier also nichts neues zu lesen ist, erlebe ich entweder nichts oder ich bin gerade mitten drin im Erlebnis. Den ein oder anderen Entwurf habe ich aber noch in petto, der Post über den Tod kommt bestimmt und für nächstes Wochenende habe ich mir schon die nächste Herausforderung vorgenommen. Bald kommen wieder "Gedichte im Herbst" und ein neuer Teil von Ich und die Medien. Also dran bleiben und auf der Blitzlichtglitzer-Facebookseite immer als erstes informiert werden, wenn es neues Lesefutter gibt!

Ich hoffe, ihr alle habt das stürmische Wetter gut überstanden und genießt ein wunderbares Wochenende! 💖💖💖

1 Kommentar:

  1. "Ich berichtige das "Wo wohnt dein Freund?" in "Freundin" und niemand wundert sich. Eine seltene Überraschung" - sicher eine schöne Überaschung und hoffentlich bleibt es keine Überraschung, sondern wird alltäglich 😊
    Ich warte schon gespannt auf den Tod-Blogpost...

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