Sonntag, 26. November 2017

Ich bin ambivertiert. Na und?! – #Soulcarespecial

Bin ich eigentlich introvertiert oder extrovertiert? Bestimmt hast du dir diese Frage schon einmal gestellt und versucht, dich in eine der beiden Kategorien einzuordnen. Aber wusstest du eigentlich, dass man auch ambivertiert sein kann? In meinem Teil des #Soulcarespecial von Kisudoesstuff erfährst du, was ambivertiert bedeutet und warum du dich für deine Wesensart nicht zu schämen brauchst!

Ich bin ambivertiert... NA UND?
Bist du auch ein Pinguin? Oder eher eine Eule (introvertiert) oder eine Krähe (extrovertiert)?


"Du musst einfach extrovertierter werden", sagte, nicht ohne einen Hauch von Verzweiflung in der Stimme, mein Klassenlehrer zum gefühlt einhundertsten Mal zu mir. Er  aus heutiger Sicht  selbst eher von der introvertierten Sorte. Ich hatte keine Ahnung, was genau beide Worte bedeuteten. Ich wusste nur: Extrovertiert = gut. Ich, seiner Meinung nach introvertiert = schlecht. Davon abgesehen, dass mir diese Aussage suggerierte, ich sei schlecht, war ich mit dieser Bewertung meiner Persönlichkeit nicht einverstanden. Attribute wie "passiv, schüchtern und reserviert" passten mir so gar nicht. Ich bin zwar auch kein Social Butterfly, keine nervige Labertasche, kann gut und gerne Zeit allein verbringen. Aber ein Mauerblümchen, jemand, der sich verstecken und mit niemandem etwas zu tun haben will, eine Einzelgängerin bin ich nicht. Ich stand als Kind und Jugendliche schon ständig musikalisch auf der Bühne, halte gerne Vorträge und werfe mich dem Internet zum Fraß vor... Geht das überhaupt, wenn man nicht extrovertiert ist?

Ambivertiert... Was ist das denn?

Als Kisu mich gefragt hat, ob ich an ihrem #Soulcarespecial teilnehmen möchte, habe ich ein neues Wort gelernt: ambivertiert. Was das ist? Ambiversion ist eine große Grauzone mit vielen Schattierungen, die sich zwischen den beiden Extremen introvertiert und extrovertiert befindet. So einfach, wie es sich Schwarz-und-Weiß-Denker wie mein Klassenlehrer gerne machen, ist es nämlich nicht: Kaum ein Mensch ist tatsächlich nur das eine oder das andere.

Schauen wir uns die jeweiligen Merkmale einmal genauer an, stellen wir fest, dass die Vorstellung einer Welt, in der alle Menschen auf diese beiden Schubladen verteilt sind, nicht sonderlich sympathisch erscheint. Extrovertierten wird nachgesagt, sie seien laut, künstlich, raumeinnehmend, smalltalk-begabt, egoistisch und sie kämen mit ihrer Einstellung auch noch hervorragend durchs Leben. Introvertierte hingegen haben den Ruf, ein zurückgezogenes Leben zu führen, Kontakte zu (verab-)scheuen, nie etwas zu sagen und keine eigene Meinung zu haben, obwohl sie den ganzen Tag lang grübeln  was ihrem Erfolg im Leben nicht gerade zugute kommt.

Jetzt habe ich natürlich die negativen Aspekte besonders hervorgehoben. Dabei lassen sich die kontaktfreudigen, durchsetzungsstarken Extrovertierten noch durchaus einfach positiv beschreiben, während die introvertierten Eigenbrötler es schwerer haben. Deshalb auch die häufige Einteilung in gut (extrovertiert) und schlecht (introvertiert). Völliger Unsinn, wenn du mich fragst, und zum Glück weichen diese Stereotype inzwischen schon immer mehr auf.

Ambiversion irgendwas dazwischen

Das Wort ambivertiert kommt von lat. ambo = beide. Das heißt, ambivertiert zu sein, bedeutet eigentlich nicht, zwischen den Stühlen zu sitzen, sondern sowohl introvertierte als auch extrovertierte Merkmale in der eigenen Persönlichkeit zu vereinen. Ambiversion lässt sich nicht eindeutig definieren. Ob du eher in Richtung extrovertiert oder introvertiert tendierst oder dich genau in der Mitte befindest und welche Merkmale beider Zustände im Speziellen auf dich zutreffen, hängt ganz von deinem individuellen Wesen ab. Das sind die vielfältigen Schattierungen unserer Grauzone, die sie eigentlich ganz schön bunt machen.

Ambivertiert zu sein, kann viele Vorteile haben – abhängig davon, welche Eigenschaften des introvertierten und des extrovertierten Typs du vereinst. So profitierst du beispielsweise gleichermaßen von deiner Freude an Smalltalk und dem Knüpfen neuer Kontakte sowie deiner Fähigkeit, gut zuzuhören und Sachverhalte klug zu durchdenken, bevor du eine Entscheidung triffst. Außerdem kannst du deine Energie womöglich aus verschiedenen Quellen schöpfen: Allein bei einem guten Buch oder einer spannenden Serie entspannst du dich genauso gern wie an einem geselligen Abend mit deinen Freunden.

Ich schaue hinter einem Baum hervor
Ich bin ambivertiert! Mal mehr, mal weniger gesprächig.

Warum ich ambivertiert bin

Kisu kam auf mich zu mit der Anfrage, ob ich einen Blogpost über die Charaktereigenschaft schreiben könnte, die aus den Optionen intro-, extro- und ambivertiert am ehesten auf mich zutrifft. Gegen das introvertierte Extrem habe ich mich stets gewehrt, weil es meiner Ansicht nach nicht auf mich zutrifft. Steht als Alternative nur noch extrovertiert zur Wahl, kann ich jedoch nachvollziehen, dass andere mich eher der Kategorie introvertiert zuordnen würden. Abgesehen davon, dass es nicht den anderen obliegt, meine Persönlichkeit zu beurteilen, möchte ich zum Schluss noch erläutern, warum ich mich mit der Ambiversion inzwischen am besten identifizieren kann.

Wie sehr ich das Alleinsein schätze, wird mir besonders bewusst, seit mein Leben zwischen Arbeit (Kolleg*innen), Uni (Kommiliton*innen) und Fernbeziehung (Freundin) rotiert. Alle zwei Wochen einen oder zwei Tage ganz mit mir allein zu verbringen, das finde ich wunderbar. Wenn ich nicht jede Minute von Menschen umgeben bin, genieße ich es viel mehr, mich mit Freund*innen, die mir wirklich wichtig sind, zu treffen und zu unterhalten. Ebenso spannend finde ich es, neue Leute kennenzulernen und mir ihre Geschichten anzuhören. Ich rede gerne – deshalb gehe ich lieber in Cafés, Bars oder auf WG-Partys und meide vollgestopfte Clubs, in denen es so laut ist, dass schon das Bestellen eines Getränks kaum möglich ist.

Es gibt Tage, Situationen und Uhrzeiten, zu denen meine Worte rar gesät sind. Ich nenne das Energiesparmodus. Manchmal gehe ich belanglosem Smalltalk oder uninteressanten Gesprächen bewusst aus dem Weg – weil es sich nicht lohnt oder ich schlicht keine Lust habe, Energie darin zu investieren. Weil ich ein Morgenmuffel bin, lernen mich Arbeitskolleg*innen und Kommiliton*innen leider häufig zunächst von dieser Seite kennen – und bilden sich ein vorschnelles Urteil. Dann drehen sie sich überrascht und erschrocken zu mir um, wenn ich plötzlich ausspreche, was alle denken und niemand zu sagen wagt. Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, positioniere ich mich dazu und riskiere auch mal einen verärgerten Professor und in der Folge schlechte Noten.

Erst kürzlich sagte mir jemand, ich sei gründlich. Damit ist garantiert nicht meine Ordnungsliebe im Haushalt gemeint – hier herrscht ganz extrovertiertes Chaos. Vielmehr ging es um die Tatsache, dass ich viel nachdenke, recherchiere und analysiere, bevor ich mich zu etwas äußere. Ich würde mir nie eine abschließende Meinung bilden über einen Sachverhalt, von dem ich überhaupt keine Ahnung habe. Das ist zumindest mein Anspruch. Und für genau solche Grübeleien brauche ich die Kraft, die ich mir durch den Energiesparmodus aufhebe.

Ambivertiert. Na und? Sei, wie du bist!

Als mich mein Lehrer ansprach, da war ich nicht introvertiert. Da hatte ich zwar Probleme zu Hause und gehörte nicht gerade zu den Beliebtesten meiner Klasse. Der Rat, einfach extrovertiert zu werden, war jedoch fehl am Platz. Er sollte eine Antwort auf meine Sorgen sein. Mal eben deine Persönlichkeit zu wechseln, ist eine wenig lösungsorientierte Empfehlung – es ist nämlich gar nicht möglich. Du kannst nicht jemand anders sein. Und das musst du auch nicht. Egal, ob du intro-, extro- oder ambivertiert bist oder du dich keiner dieser Kategorien zuordnen möchtest: Du bist gut so, wie du bist. Jede Charaktereigenschaft hat ihre Berechtigung, jede Persönlichkeit ihre Stärken und Schwächen. Verabschiede dich vom Schubladendenken und mache dir die Vielfältigkeit deiner Mitmenschen bewusst!

Welcher Kategorie würdest du dich zuordnen? Bist du introvertiert, extrovertiert oder ambivertiert? Lass es uns wissen unter dem Hashtag #Soulcarespecial oder schreibe selbst einen Blogbeitrag zu diesem Thema – und vergiss nicht, auch bei Kisudoesstuff vorbeizuschauen! 

Kommentare:

  1. Liebe Lucia,

    Vielen vielen lieben Dank noch mal, dass Du bei meinem #soulcarespecial mitgemacht hast 💜

    Ich finde es absolut großartig, dass Du so wunderbar ins Detail gegangen bist, Dich selbst aber nicht zu kurz kommen gelassen hast [: Es ist sehr schade, wenn viele Leute [nach wie vor] in schwarz/ weiß denken - umso wichtiger ist es dann meiner Meinubg nach etwas Farbe ins Leben zu bringen 💜 Ich freu mich, mehr von Dir zu lesen (:

    In diesem Sinne:
    Stay awesome 💜

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    1. Vielen Dank an Dich für diese tolle Idee! :) Es hat Spaß gemacht, darüber zu schreiben, und wie man sieht, hat mich das Thema in meinem Leben durchaus schon häufiger beschäftigt. Dass ich mich durch Dich mit Ambiversion zum ersten Mal näher auseinandergesetzt habe, ist toll und deshalb kann ich mich da nur bedanken. :)

      Alles Liebe,
      Lucia

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