Direkt zum Inhalt

Ungeschminkt durch den Tag

Posted in Liebe & Leben

Obwohl ich meistens geschminkt bin, habe ich eigentlich kein Problem damit, ohne Make-up auf die Straße zu gehen. Eigentlich – hat das was zu bedeuten? Eigentlich, das hat mir eine schlaue Frau mal beigebracht, ist immer so ein Indiz… Ja, meinen Wochenendeinkauf oder Sonntagsspaziergänge erledige ich ungeschminkt. Aber oft male ich mein Gesicht auch an, weil ich es möchte. Wie, glauben die Leute, sollte ich hinter einer Schicht Make-up meine dunkelsten Geheimnisse verstecken? Dazu braucht es schon einiges mehr. Also gehe ich an einem Montag ungeschminkt zur Arbeit. Nun, zuerst hatte ich grünen Concealer im Gesicht, um Rötungen zu kaschieren, aber den habe ich wieder abgewischt. Nein, so leicht lasse ich mich nicht von mir selbst hinter’s Licht führen!

Ich fühle mich nicht unwohler als sonst, auch wenn ein paar irritierte Blicke etwas zu lange mein Gesicht belästigen. Vielmehr frage ich mich, ob jetzt alle denken, ich hätte die ganze Nacht Party gemacht (dabei war ich noch halbwegs rechtzeitig im Bett). Nur beim Blick in den Spiegel erschrecke ich mich, weil ich einfach nicht aussehe, wie ich selbst. Denn das ist die Spachtelmasse in meinem Gesicht für mich: Ein lang erarbeiteter, erster Schritt, nach außen hin ich selbst zu sein.

Lucia Clara mit Fliegennetz auf dem Kopf
Sowas hätt‘ ich gern als Hut – ungeschminkt verrückt. | Foto: HML-ART

Ungeschminkt – das ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Make-up in einem Gesicht. Ungeschminkt ist aus der Rolle fallen. Ungeschminkt ist echt, und das bin ich samt Glitzer und Lippenstift. Ungeschminkte Seelen. Sehen wir die nicht viel seltener als ungeschminkte Gesichter? Wer pimpt sein wahres Ich nicht mit einem falschen Lächeln auf? Einem falschen Lächeln fürs Familienfoto? Gerade Fotos können viel mehr Selbst zeigen. Sie halten den Moment fest zum Immer-wieder-anschauen, viel länger, als er zum Zeitpunkt seines eigentlichen Geschehens war. Das bietet Interpretationsspielraum. Je länger Du hinsiehst, umso mehr Schichten Schminke trägst Du ab – aber vielleicht fügst Du auch weitere hinzu, weil Du Dich zu sehr auf das Äußere konzentrierst…

Sich ungeschminkt nackt zu fühlen ist das eine. Doch wie oft fühlst Du Dich nackt und ungeschminkt, obwohl Du Kleidung und Make-up trägst? Ob nun die Blicke anderer Menschen oder das Auge einer Kamera auf ihr ruhen – beobachtet fühlt sich die Seele, wenn sie schminkschichtdurchdringend angesehen wird. Ich fordere sie stets heraus, wenn ich das Haus verlasse oder meine Gedanken im Internet verbreite; wenn ich mich in Umgebungen begebe, in die mein Mainstream-Rollen-Spiel nicht passt.

Hier bin ich und leuchte. Hier stehe ich im Blitzlichtglitzer-Kitschregen und zeige euch – mich. 

Lucia Clara schaut mit einem Auge aus ihrem Haarschleier heraus.
Raus aus dem Versteck, ungeschminkte Seele! | Foto: HML-ART

Wie bist Du ungeschminkt?
💖

8 Kommentare

  1. Ein wundervoller Text. <3
    wie bin ich ungeschminkt? Ich würde sagen, es kommt auf die Situation an. Meist zeige ich mich wie ich bin, ich kann mich schlecht verstellen. Aber man muß gucken was man von sich zeigt, alles in kleinen Dosen, sonst sind die anderen überfordert.

    Lg Nicky

    20. Juni 2017
    |Antworten
    • Liebe Nicky,
      vielen Dank! ♥
      Ich finde übrigens nicht, dass die (vermutete) Überforderung anderer Dich davon abhalten sollte, ganz Du selbst zu sein und so viel von Dir zu zeigen, wie Du möchtest! 🙂
      Schlecht im Lügen zu sein ist auf jeden Fall eine wunderbare Voraussetzung, aber manchmal wäre es doch ganz hilfreich – willkommen im Club! 😉

      Alles Liebe,
      Lucia

      21. Juni 2017
      |Antworten
  2. Anonym
    Anonym

    Toll geschrieben!

    22. Juni 2017
    |Antworten
  3. Ein sehr schöner Text 🙂
    Ich bin immer ungeschminkt, egal was die Umwelt davon hält. Ich sage ehrlich, was ich denke und mache prinzipiell das, was ich möchte. Und wer überfordert ist darf gerne woanders hingehen :3

    25. Juni 2017
    |Antworten
    • Sehr gute Einstellung! 🙂 Natürlich kann nicht jede*r immer machen, was sie*er sich wünscht, aber ein Versuch schadet ja meistens nicht. 🙂

      26. Juni 2017
      |Antworten
  4. wunderbarer Text, er gefällt mir sehr gut.
    Zu 95 % bin ich auch ungeschminkt und wenn ich mal im Sommer bei der Hitze weggehe dann gibt es nur bei mir Mascara und das sieht auch recht natürlich dann noch aus =)
    Ich las dir mal ein Abo da.

    LG Sheena

    http://sheenasolskin.blogspot.cm

    28. Juni 2017
    |Antworten
    • Hallo Sheena,
      vielen Dank! 🙂
      Ja, das klingt auf jeden Fall praktisch. Und dauert ja auch viel weniger lange morgens. Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass ich es jetzt in Zukunft bestimmt öfter mal weglasse, für die Arbeit bzw. reduziere. Ich sehe Make-up einfach als Möglichkeit, die mancher Person eben gefällt, anderer nicht, aber keinesfalls als irgendeine doofe Pflicht. 😉
      Alles Liebe,
      Lucia

      3. Juli 2017
      |Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen