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Im Rauschen zwischen den Zeilen | Gastbeitrag | Pride

Posted in Gedichte & Geschichten

Porträt von Mica
Mica ist Schreiberling, Schauspierin und Sozialpädagogin.

In Berlin finden die Pride-Veranstaltungen im Juli statt. Und da wohne ich. Deshalb ist auch hier bei Blitzlichtglitzer der Juli der Monat, in dem ich – oder vielmehr wir – uns diesem Thema widmen. Den Anfang macht meine liebe Mitbewohnerin Mica mit einem Gastbeitrag. Warum sie und nicht ich? Weil ich euch ermuntern möchte, mir diesen Monat eure Beiträge oder Vorschläge rund um das Thema Pride zu schicken! Ihr seid völlig frei in der Textart und könnt auf Wunsch natürlich anonym bleiben. Ich freue mich auf deinen Text! Außerdem brauche ich selbst noch etwas Mut, um meine Beiträge zu veröffentlichen.^^

Nun aber zur heutigen Protagonistin: Mica schauspielt, schreibt und arbeitet als Sozialpädagogin. Ihre Geschichten und Gedichte veröffentlicht sie auf Sweek. Als E-Book veröffentlicht hat sie Punkt, eine autobiographische Geschichte, die ich dir auch ans Herz legen möchte. Mehr über Mica erfährst du zum Beispiel auf ihrer Webseite oder Facebook.

Mica bringt uns eine Geschichte mit, die nach autobiographischen Begebenheiten erzählt ist. Nach fünf Jahren Beziehung mit einem Mann beschäftigt sie ihre sexuelle Orientierung gerade wieder etwas mehr. Sag mir gern in den Kommentaren, wie du die Geschichte findest und ob du mehr Gastbeiträge von meiner Mitbewohnerin lesen möchtest!

Im Rauschen zwischen den Zeilen

Du sitzt mir gegenüber und veränderst etwas in mir.

Ich lausche dem Rauschen zwischen den Zeilen und versuche zu verstehen, was es mir sagen will…

Mit den Fingerspitzen erforsche ich deine Wangen, deine Lippen, dein Kinn, deinen Hals. Ich hebe den Blick, schaue in dunkelblaue Augen und frage dich mit einem Blinzeln, welche Worte du hörst, zwischen den Zeilen…

Noch sieben Stationen.

Steigst du vor mir aus oder mit mir? Oder fahren wir zusammen bis wir ankommen, bei uns, in unserem Raum zwischen den Zeilen?
Unsere Blicke flackern auf und ab. Sie sprechen viel, doch wir sagen nichts.
Hallesches Tor. Endstation – für uns.

Ich stehe auf. Und steige aus.

Am Bahnsteig landen sie im Müll, unsere ungesagten Worte.
Vielleicht hätte ich ihn dir geben sollen, den Zettel, auf den ich hastig meine Nummer gekritzelt hatte, bevor ich die U-Bahn verließ und mich fragte, ob ich jemals wieder eine Frau treffen würde wie dich. Eine Frau, die mich packt – zwischen den Zeilen – wie es zuvor nur Männer taten. Eine Frau, die alles verändert, was ich über mich zu wissen glaubte…

Wer bist du, Isabella, frage ich mich, hast du dich je gekannt?
Ja, vielleicht hätte ich mir ein Herz fassen sollen, um nach deinem zu greifen.

Doch sie blieben gefangen, unsere Worte, meine Wahrheit – und mit ihr mein Herz – im Rauschen zwischen den Zeilen.

***

Ich brauchte Jahre, bis ich wirklich verstand, dass ich jahrelang nichts verstanden hatte, selbst nachdem ich meine Wahrheit zu kennen glaubte. Doch diese Wahrheit umfasste in Wirklichkeit nur einen Bruchteil meines Selbst.

Ich bin anders – als eine Frau, die Frauen liebt. Ich bin ein Mensch, der Menschen liebt. Für mich zählen keine Sex- oder Genderkategorien. Für mich zählt noch nicht einmal das Wort, welches meine sexuelle Orientierung beschreiben soll: pansexuell.

Für mich zählt Zärtlichkeit, Nähe, Wärme, Liebe, Geborgenheit, Sinnlichkeit, Vertrauen, Verständnis, Zweisamkeit, Verbundenheit und so Vieles mehr, das ich nicht in Worte fassen kann. Ich sehe Personen, keine Frauen, Männer, Trans-oder Intersexuelle oder, oder, oder. Ich lese zwischen den Zeilen, ich liebe alle Farben, weiß und schwarz, die Grautöne und Schattierungen – für mich sind sie alle bunt. Für mich sind wir alle bunt.

Ich habe sie nie wieder getroffen, die Frau von damals. Doch sie hat so viel bewegt. In mir. Ohne es zu ahnen, gab sie mir den Mut hinzuschauen. Den Mut, mir meinen bunten Weg zu malen in einer akkurat schwarz-weiß bepinselten Welt. Und siehe da – bunte Vögel gibt es überall. Denn wir alle sind farbenfroh, wenn wir Farbe bekennen und uns trauen, die Person zu sein, die wir sein wollen. Denn wir alle sind mehr, als Worte je ausdrücken könnten. Wir alle leben im Raum zwischen den Zeilen.

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