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Mein Leben im Internat – Teil 1

Posted in Liebe & Leben

Das ist der erste Teil der Geschichte über mein Leben im Internat. Es werden noch ein oder mehrere Teile folgen. Du findest sie nach ihrem Erscheinen hier verlinkt.

Irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 2007 eröffnete meine Mutter mir zum ersten Mal, das sie mich auf ein Internat schicken wollte. Die Töchter zweier ihrer Kolleginnen gingen auch dort hin. Es gäbe drei verschiedene Zweige und ich könne mir doch überlegen, ob ich lieber Sprachen oder Musik machen wollte.

Auf’s Internat gehen: Will ich das?

Ich war gerade in der siebten Klasse, dem dritten Jahr auf dem Gymnasium. Ich schrieb ganz gute Noten und hatte wunderbare Freundinnen, mit denen ich im Sommer fast jeden Tag nach der Schule Eis essen ging. Auch im Kinderstreichorchester fühlte ich mich wohl. War ich in der vierten Klasse noch die Jüngste und sehr schüchtern dort gewesen, hatte ich jetzt eine Gruppe gleichaltriger Freundinnen. Auch nach der dienstäglichen Probe gab es ein Ritual: im Sommer Eisessen und im Winter Kakaotrinken. Ich war zwar lieber bei den Familien meiner Freundinnen oder bei meinen Großeltern als zu Hause. Doch im Großen und Ganzen ging es mir gut. Die Idee meiner Mutter gefiel mir gar nicht. Ich weinte und fragte: Warum? Warum? Wollt ihr mich loswerden?

Meine Eltern waren der Meinung, ich brauchte einen besser strukturierten Alltag mit strengeren Regeln. Sie arbeiteten beide Vollzeit und konnten nicht den ganzen Tag kontrollieren, ob wir alles machten, was wir sollten. Meiner kleinen Schwester vertrauten sie mehr als mir – es stand nie zur Debatte, dass sie auch ein Internat besuchen sollte. Dabei war sie nur um einiges gewiefter als ich in Sachen Ungehorsam. Sie ließ sich nie erwischen, beschuldigte die böse große Schwester und wusste immer genau, wo die Fernbedienung für den Fernseher versteckt war.

Im Sommer 2007 besuchten wir das Schulfest des Internats, damit meine Eltern sich einen Eindruck davon machen konnten. Ich trug ein orange-rosa geblümtes Kleid, das an einer Seite kürzer geschnitten war als auf der anderen. Vermutlich wie immer um 16 Uhr an diesem Samstag fand das Kammerkonzert in der Aula statt. Wir bekamen keinen Platz mehr. Ich erinnere mich daran, wie ich auf dem Flur saß und das Harfenspiel einer Schülerin belauschte. Die Stimmung war schön, die Sonne beschien den Boden durch die alten Fenster. Ein ehemaliges Kloster, umgeben von Weinbergen, irgendwo im Nirgendwo, wie es schien – hübsch, aber kein Ort für einen Teenager. Ich war 12, vielleicht schon 13. An diesem Ort zu leben und zu lernen, konnte ich mir nicht vorstellen. Nicht, wenn ich an meine Freundinnen dachte, die Mutter mit drei eigenen und einem Pflegekind, bei der ich mich so gut aufgehoben fühlte, den Buchladen, in dem sie arbeitete und wo meine Freundin und ich lange Nachmittage mit einem Buch auf dem roten Sofa verbrachten. Ich wollte nicht weg.

Die Aufnahmeprüfung

Am 29. Februar 2008 fand meine Aufnahmeprüfung statt. Ich sollte mich für den Musikzweig bewerben. In der Zwischenzeit hatte ich nicht mehr viel an das Internat gedacht. Im achten Schuljahr hatte ich andere Sorgen. Die Pubertät hatte endgültig begonnen und ich wusste nicht, was ich von mir und dem Leben halten sollte. Das erste Halbjahr war anstrengend, denn meine Eltern erwarteten, dass ich ein besonders gutes Zeugnis für die Anforderungen der neuen Schule vorweisen konnte. Ich nahm mir fest vor, die Prüfung zu vermasseln. Obwohl ich schon Musiktheorieunterricht gehabt hatte, schrieb ich in dem schriftlichen Test oft etwas Falsches oder gar nichts hin. Beim Vorsingen vergaß ich ganz von selbst vor Aufregung den Text. Aber irgendwie war es mir zu peinlich, in das Geigenvorspiel falsche Töne einzubauen. Irgendwie hatte mich der Ehrgeiz nun doch gepackt. Und vielleicht die Angst, vor meinen Eltern zu versagen. Im anschließenden Gespräch mit meiner späteren Klavierlehrerin brach ich sogar in Tränen aus und sie wollte wissen, ob es wirklich mein Wunsch sei, das Internat zu besuchen. Ich spulte die Antwort ab, die meine Eltern mir für den Fall einer solchen Frage eingebläut hatten.

Nun hieß es warten. Eines Tages kam mein Vater mit einem Blumenstrauß nach Hause und überreichte ihn mir. Er hatte den an mich adressierten Brief einfach selbst geöffnet, mir das langsame, bangende Herausziehen des Papiers aus dem Umschlag, das ich mir vorgestellt hatte, verwehrt. Ich wusste sofort, dass es nun kein Zurück mehr gab. Meine Eltern würden erwarten, dass ich es wenigstens versuchte.

Es geht also aufs Internat  so fühlt sich das an

Das zweite Halbjahr der achten Klasse war in vielerlei Hinsicht schwer für mich. Ich war zum ersten Mal richtig verliebt – und musste erst herausfinden, dass ich nicht verrückt geworden war, denn es handelte sich um ein wunderschönes Mädchen aus meiner Klasse. Von meinen Eltern fühlte ich mich verraten und verlor mich in Phantasien, in denen meine Lieblingslehrerin mich adoptierte. Ich musste mich von meinen Freundinnen und meinem alten Leben verabschieden. Nicht einmal meinem Tagebuch konnte ich mich in dieser Zeit anvertrauen, denn meine Angst war zu groß, dass meine Gedanken ans Licht kommen könnten. Wäre das geschehen, so war ich mir sicher, dürfte ich mich nie wieder zu Hause blicken lassen.

Ich warte auf den Tag, an dem niemand mehr anders reagiert, wenn ich von meiner FreundIN spreche, als wenn andere Frauen von ihrem männlichen Partner reden. Viele sagen, wir hätten diesen Punkt längst erreicht. Doch ich erlebe das immer wieder. Jedes Mal, wenn ein Gespräch auf das Beziehungsthema lenkt. Ich höre nicht selten ein in alle Öffentlichkeit gebrülltes „SIIEE?!“, wenn ich die Frage „Wo wohnt er denn?“ unauffällig mit einem „Sie wohnt in Münster.“ berichtige. Ich höre ein „Das hätte ich bei dir nun wirklich überhaupt nicht gedacht!“ selbst von ach so open minded people, die vorbildlich und belehrend „Autor innen“ sagen. Und selbst bei Menschen, die nichts Seltsames sagen und so tun, als wäre es nichts Besonderes, spüre ich diesen kleinen Schockmoment, die millisekundenlange Verwirrung, das „oh ok“, das Umswitchen.

Ich weiß nicht, ob sich das jemals ändern wird, ob das überhaupt möglich ist. Und natürlich ist das nicht homophob oder böse Absicht. Vielen ist das einfach nicht so bewusst – aber: Es fühlt sich ausgrenzend an. Jede derartige Reaktion auf meine Liebe zu einer Frau lässt mich spüren, dass sie nicht der Norm entspricht, gesellschaftlich irgendwie an untergeordneter Stelle steht. Den unterbewussten „Schock“ kannst du nicht unmittelbar kontrollieren. Und doch malst du dir vielleicht einen Regenbogen ins Gesicht und feierst und tanzt und säufst auf dem CSD. Du sagst: „Ja, natürlich habe ich nichts gegen die, das ist doch völlig normal, 21. Jahrhundert und so.“ Vielleicht verwendest du auch den Hashtag #nohomo und merkst nicht, wie ich kurz inne halte und Luft hole, weil diesmal mich der kleine Schock trifft, ein Nadelstich in die Wunde, die jetzt nicht gleich wieder zu bluten anfängt, aber ihn doch spürt.

Ich tue mich auch deshalb schwer damit, den versprochenen Artikel über mein Leben im Internat für euch zu schreiben, weil ich dort so viel Ablehnung erfahren habe. Ganz besonders, als herauskam, dass ich in ein Mädchen verliebt war. Trotzdem möchte ich herausstellen, wie wichtig diese Zeit für mein Leben war und dass wir hier nicht von einer „traurigen Geschichte“ sprechen. Das Internatsleben war für mich ein großer Befreiungsschlag. Aber eben auch nicht immer leicht. Und viele Erinnerungen an diese Zeit sind mir unangenehm. Weil andere mich schlimm behandelt haben. Und weil ich Teile meines damaligen Ichs heute nicht mehr mag.

Auf ins Internat! Mein erstes Zimmer lag über dem Kreuzgang.

In den Ferien, nachdem ich zum Geburtstag mein erstes Handy (mit der gewünschten Kamerafunktion) bekommen und eine Abschiedsparty mit meinen Freundinnen hatte feiern dürfen, legte sich mein Unmut. Er wich Aufregung, Neugier und Abenteuerlust. Ich war so gespannt, dass ich es kaum mehr abwarten konnte, endlich hinzufahren und zu erfahren, wie es ist. Ich träumte nachts ständig vom Internat und den ersten Tagen dort. Aber ich strich auch sehnsuchtsvoll über den Eintrag meiner Angebeteten in dem Poesiealbum, in das auf der Abschiedsparty alle geschrieben hatten. Und ich beweinte die Tatsache, dass ich meine Lehrerin nie wieder sehen würde, auf die ich meine Adoptionswünsche projiziert hatte. Doch irgendwann saß ich mit meinen Eltern im Auto, der Kofferraum war vollgepackt, und freute mich total aufs Internat.

[…]

Fortsetzung folgt! Hinterlasse mir gerne einen Kommentar mit deiner Meinung zu diesem Artikel! Hier schon einmal ein kleiner Vorgeschmack auf Teil 2:

„Als ich mein Zimmer betrat, waren meine drei Mitbewohnerinnen schon da und ich musste mit dem letzten übrigen Bett Vorlieb nehmen. Wir befanden uns im Hauptgebäude über dem Kreuzgang. Ging man quer über den Flur, gelangte man zu einem Toilettenraum, die Kabinen waren mit allerhand Sprüchen und Kritzeleien versehen. Ich glaube, den gibt es nicht mehr, nachdem das Gebäude inzwischen renoviert worden ist. Das Schuljahr begann für die Musikschüler*innen mit einem Chorprobenwochenende. Zur Immatrikulationsfeier wurde direkt ein Konzert gegeben. Als Neuntklässerin kam ich zunächst in den Mädchenchor, von dem aus man nach der zehnten Klasse in den gemischten Chor wechselte. Die Chorkleidung erforderte eine weiße Bluse und einen mindestens knielangen schwarzen Rock. Meine Mutter hatte mir einen in meinen Augen furchtbar hässlichen bodenlangen Rock mitgegeben – alle anderen trugen modernere. […]“

2 Kommentare

  1. Mica
    Mica

    Da wurde ja cliffhangermäßig an der interessantesten Stelle abgebrochen 🙂
    Ich finde es immer wieder wichtig, spannend, aber auch für mich selbst beschämend, über die (abweichenden) Reaktionen nachzudenken, wenn Personen offenbaren, dass ihre Partner*innen nicht dem „gegenteiligen“ (schon alleine dieser Ausdruck spricht für heteronormative Vorstellungen) Geschlecht zuzuordnen sind. Ich finde es schwer vor mir selbst zuzugeben zu müssen, das auch ich, die sich selbst als pansexuell kategorisiert, zumindest eine Sekunde irritiert ist nach so einer Botschaft. Ich glaube es liegt oft, zumindest ist es bei mir so, an dämlicher „Gewöhnung“, daran dass die statistische Norm/Häufigkeit oder jedenfalls der Irrglaube einer statistischen überdurchschnittlichen Häufung heterosexuell ist. Wahrscheinlich ist das ohnehin ein Irrglaube. Mittlerweile bin ich der Ansicht (und folge damit der Kinsey-Skala), dass sehr viele Menschen zumindest nicht „nur“ pur heterosexuell sind, aber das ist ein anderes Thema und momentan ist das auch eher eine intuitive Annahme von mir und vielleicht beruht sie auch nur auf meinen eigenen Empfindungen. Jedenfalls ist es natürlich ein schreckliches Gefühl, dieses Blinzeln, dieses Zucken und „Umswitchen“, wie du beschreibst. Wie sagte die Frau meines Onkels damals (vielleicht habe ich das schon mal irgendwo hier kommentiert, aber es ist einfach so absurd großartig..),als sie erfuhr, dass wir nicht von meinem männlichen Freund redeten:“Ach es ist ein Mädel? Du Arme!“. Heute lache ich darüber. Damals war es natürlich furchtbar.
    Aber wir alle, auch wir ach so offenen Personen, müssen wohl, so wie du beschreibst, unsere Vorurteile, Annahmen, Haltungen und vor allem unsere Sprache reflektieren lernen. Da Menschen Kategorien ja leider so mögen, ist das wohl leichter gesagt als getan. Aber es ist sehr gut, dass Menschen ihre Erfahrungen teilen, so wie du es tust, und zum dadurch Überdenken aufrufen.

    5. August 2018
    |Antworten
  2. […] gekündigt. Mehr dazu in einem der nächsten Blogposts. Außerdem erwarten dich Teil 2 meiner Internatsgeschichte und ein Fazit zu meinem ersten Semester nach dem Studiengangwechsel. Worauf freust du dich am […]

    5. September 2018
    |Antworten

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