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Abends um sechs in der Berliner S-Bahn

Posted in Liebe & Leben

Ein Mann schläft. Sein Kopf lehnt am Fenster der S-Bahn. Das hellrosa karierte Hemd wirft Falten. Aus dem Mundwinkel hängt dem Mann ein Spuckefaden.

Am anderen Ende des Waggons sitzt eine Frau mit knittriger Stirn und gequältem Blick. Sie sieht verzweifelt aus. Immer wieder schließt sie für einen längeren Moment die Augen. Sie legt den Kopf in den Nacken, scheint hinter den Lidern nach oben zu schauen. Vielleicht hofft sie auf Rettung

Ein Junge mit kinnlangem, blonden Haar flätzt gelangweilt, aber weniger müde als die anderen Fahrgäste auf dem dreckgrünen Sitz. Sein Blick ist auf das knallrote iPhone in seiner Hand geheftet. Seine Mundwinkel zucken und ab und zu zieht er die Augenbrauen kurz zusammen. Er spielt.

Neben ihm sitzt noch ein Mann. Er trägt eine sportliche Jacke, die viel zu dünn für den Winter ist. Auch seine Hand schmückt ein Smartphone. Die andere führt er ständig zum Mund, um an seinen Nägeln zu kauen. Er liest E-Mails von der Arbeit. Oder spielt ein Spiel, das er nicht verlieren darf.

Draußen fliegt die Charité vorbei. In den großfenstrigen Besprechungsräumen im Erdgeschoss hocken weißbekittelte Menschen eng zusammengedrängt um oval geformte Tische. Alle gleich.

Mir gegenüber steht eine Frau: wirres, regenfeuchtes pinkes Haar. Blasse Haut. Große, aufmerksame Augen, die fast unheimlich anmuten. Mein Spiegelbild.

Aufgabe: Nutze deine nächste Bahn- oder Busfahrt, um deine Umgebung ganz bewusst wahrzunehmen. Kommentiere in Gedanken alles, was du siehst und hörst. Denke dir ruhig Geschichten aus zu den Menschen um dich herum. Wenn du wieder zu Hause bist, schreibe alles auf, was du gedacht hast.

Das ist meine erste Aufgabe an dich. Sie ist zugleich eine Achtsamkeits- und eine Schreibübung. Mein Fokus und meine Expertise liegen im Schreiben – für mich persönlich ergibt sich daraus eine Achtsamkeitserfahrung. Probiere es einfach aus. Auch für mich ist das hier ein Experiment.

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